Info-Center
Startseite
StartseiteInfo-CenterPresseinfosArchiv 2009 > Gesunder Junge von Erlanger Wachkoma-Patientin entbunden
 Archiv 2009  

Gesunder Junge von Erlanger Wachkoma-Patientin entbunden

14.10.2009
Universitätsklinikum Erlangen

Am Universitätsklinikum Erlangen wurde heute der Fall einer 40-jährigen Schwangeren vorgestellt, die nach einem Herzinfarkt in der 13. Schwangerschaftswoche ihr Kind auf der Intensivstation der Uni-Frauenklinik bis in den 9. Schwangerschaftsmonat ausgetragen hatte und im Jahr 2008 einen völlig gesunden Jungen zur Welt brachte. „Dieser Fall ist im Hinblick auf das Alter der Mutter, die nahezu adäquat lange Schwangerschaftsdauer und den völlig normalen Gesundheitszustand des Kindes in der Wissenschaftswelt außergewöhnlich und sehr erfreulich“, sagte Prof. Dr. Matthias W. Beckmann auf einer Pressekonferenz. Weltweit seien seit den 1970er Jahren rund 25 Fälle von Schwangeren mit Hirntod oder Koma veröffentlicht worden. Die meisten Schwangerschaften endeten mit Misserfolgen, Frühgeburten oder in manchen Fällen mit ernsten Schädigungen des Kindes. „Auch die Tatsache, dass dieser medizinische Erfolg nach schwerem Herzinfarkt einer Schwangeren gelang, ist besonders bemerkenswert“, so der Direktor der Uni-Frauenklinik. „Möglich war dies, weil unterschiedlichste Fachdisziplinen auf höchstem Niveau verantwortlich zum Wohl von Mutter und Kind zusammengearbeitet haben.“ Sein Dank gilt insbesondere dem Klinischen Ethikkomitee, das alle Betroffenen bei der Entscheidungsfindung optimal unterstützt habe.

3-D Ultraschall-Bild aus der 30. Schwangerschaftswoche. Quelle: Uni-Klinikum Erlangen

Der Hintergrund des Falles: Eine 40-jährige Frau erleidet in der 13. Schwangerschaftswoche in einer ländlichen Region einen ausgedehnten Myokardinfarkt mit nachfolgendem Herz-Kreislaufstillstand. Ersthelfer versuchen, die Frau mit Herzdruckmassage und Beatmung wiederzubeleben bis Notarzt und Rettungsdienst eintreffen. Die Frau wird künstlich beatmet und bewusstlos in ein Krankenhaus der Regelversorgung verlegt, dann in ein Krankenhaus der Schwerpunktversorgung zur Herzkatheteruntersuchung. Nach der Diagnose eines Herzinfarktes und verschiedener anderer Risikofaktoren wie insulinpflichtiger Diabetes mellitus Typ II, erhöhte Cholesterinwerte und Nikotinabusus wird die Patientin dann am 24.12.2007 in das Universitätsklinikum Erlangen verlegt. Bei Ihrer Ankunft liegt sie im Koma, hat eine Infektion und weist u. a. ein Druckgeschwür auf. Das Klinische Ethikkomitee wird von Beginn an informiert und Probleme des Vorgehens in gemeinsamen Ethikberatungen interdisziplinär erörtert.

In den folgenden Wochen wird die Patientin mehrfach neurologisch untersucht. Diagnose: Einfache Reflexe funktionieren, höhere Hirnfunktionen sind nicht feststellbar. Analysen in der Neuroradiologischen Abteilung ergeben: Das Großhirn ist in Folge des Herz-Kreislaufstillstands zwar deutlich geschädigt, aber das Kind zeigt eine normale Entwicklung entsprechend des Schwangerschaftsalters. In der Medizinischen Klinik 2 (Kardiologie, Angiologie) wird ein durch den Myokardinfarkt massiv geschädigtes Herz bei der Mutter diagnostiziert. Die Entwicklung des Kindes wird regelmäßig per Ultraschall untersucht.

Zoom (55KB)

Von links: Prof. Dr. med. Matthias W. Beckmann, Direktor der Frauenklinik am Universitätsklinikum Erlangen; Dr. med. Julia Engel, Assistenzärtin der Frauenklinik
Quelle: Uni-Klinikum Erlangen

Die Patientin wird in einem Einzel-Intensivzimmer der Frauenklinik mit großem Fenster untergebracht. Um die Umgebung schöner zu gestalten, hat der Pflegedienst selbst gemalte Bilder der beiden älteren Kinder an der Wand neben dem Bett aufgehängt sowie ein Kassetten-Radio aufgestellt. Die Patientin wird von einem Ernährungsteam zusammen mit Kollegen der HNO-Klinik über eine Sonde ernährt. Die Nahrung wird in der Klinikumsapotheke in Abhängigkeit von regelmäßigen Laboruntersuchungen speziell zusammengestellt, insbesondere um auch das Kind optimal mit Folsäure und Vitaminen zu versorgen. Die Einstellung des Diabetes ist schwierig, die Blutzuckerwerte können jedoch stabilisiert und Infektionen medikamentös beherrscht werden.

Familie bzw. Lebenspartner der Frau werden jeweils informiert und sind mit dem Vorgehen in der Klinik einverstanden. Die beiden älteren Kinder der alleinerziehenden Mutter, deren Vormundschaft das Jugendamt übernommen hatte, besuchen ihre Mutter. Während der Klinikaufenthalte werden die Kinder psychologisch begleitet. Durch Ansprechen, Küssen und Streicheln versuchen sie, die Mutter „aus dem Schlaf zu wecken“. Sie bringen ihr besprochene Hörkassetten und selbst gemalte Bilder mit, in denen sie auch die schwierige Gesamtsituation verarbeiten.

Zoom (79KB)

Die Gesprächspartner der Pressekonfernz (von links:) Prof. Dr. med. Dr. h. c. Wolfgang Rascher, Direktor der Kinder- und Jugendklinik; Prof. Dr. med. Andreas Frewer, M.A., Leiter des Lehrstuhls für Ethik in der Medizin; Andrea Maywald, Gesundheits- und Krankenpflegerin der Frauenklinik; Prof. Dr. med. Matthias W. Beckmann, Direktor der Frauenklinik; Dr. med. Julia Engel, Assistenzärtin der Frauenklinik
Quelle: Uni-Klinikum Erlangen

Verschiedene Komplikationen bei Infektionen und auch eine übermäßige Ansammlung von Fruchtwasser können erfolgreich bewältigt werden. Mit speziellen Medikamenten wird die Lunge des Kindes auf eine mögliche Frühgeburt vorbereitet.

In der Mitte der 34. Schwangerschaftswoche, also 156 Tage nach dem Herzinfarkt, kommt es im Frühjahr 2008 morgens um 4.30 Uhr zu einem Blasensprung. Um 5.38 Uhr kann von Prof. Beckmann per Kaiserschnitt ein lebensfrischer, 2.390 g schwerer Junge entbunden werden. Nach der Geburt legt die Hebamme der Mutter das Kind auf die Brust, um ihr Nähe zum Kind und einen gewissen Abschied zu ermöglichen. In der Kinderklinik erfolgte die weitere Betreuung. Heute ist der Junge gut 1,5 Jahre alt und hat bei den pädiatrischen Untersuchungen eine normale Entwicklung gezeigt. Da der Lebenspartner der Frau aus arbeitstechnischen und finanziellen Gründen die Versorgung des Jungen nicht gewährleisten kann – u. a. da er beruflich viel im Ausland unterwegs ist – wurde die weitere Betreuung vom Jugendamt übernommen. Heute lebt das Kind in der Obhut des Jugendamtes.

12 Tage nach der Entbindung wird die Mutter, die weiterhin im Wachkoma liegt, in eine heimatnahe Pflegeeinrichtung verlegt. Ihr Zustand ist unverändert. Die Ärzte haben aufgrund der massiven Schädigung von Gehirn und Herz fast keine Hoffnung mehr auf eine Besserung des Zustands.


Klinisches Ethikkomitee von Anfang an eingeschaltet

Zoom (103KB)

Quelle: Uni-Klinium Erlangen

Vor dem Hintergrund des beschriebenen Falles fanden regelmäßig Treffen des fächerübergreifenden Ethikkomitees am Universitätsklinikum Erlangen statt. Teilnehmer waren Personen aus den Bereichen Gynäkologie/Geburtshilfe, Pflege, Neonatologie, Pädiatrie, Kardiologie, Anästhesie, Neurologie, Medizinethik und Theologie/Klinikseelsorge. Aufgabe des Gremiums war es, alle an der Versorgung der Patientin Beteiligten bei der Entscheidungsfindung zu unterstützen. Im Vordergrund stand die bestmögliche Therapie für Mutter und Kind, es mussten aber auch etwaige Verschlechterungen mit Eintreten eines Hirntods erwartet oder Wechselwirkungen zwischen dem Wohl der Mutter und des Kindes bedacht werden.

Die Patientin selbst konnte nicht befragt werden. Sie lebte sehr zurückgezogen und war Hausfrau. Entsprechend der persönlichen Befragung und Information des Lebensgefährten und wahrscheinlichen Kindsvaters wie auch der Angehörigen, kam man überein, bei einem „Wunschkind“ die Schwangerschaft und die Behandlung der Patientin weiterzuführen. Die eingesetzte Betreuerin der im tiefen Koma liegenden Patientin stimmte dem Vorgehen zu. In der Folgezeit mussten immer wieder Fragen beantwortet werden: Auf welche Weise kann der Mutter und ihrem ungeborenen Kind am besten geholfen werden? Welche moralischen Konflikte ergeben sich bei bestimmten Formen der Diagnostik und Therapie? Wie kann die gesamte Familie in der schwierigen Lage unterstützt werden? Leitideen des Handelns waren der Schutz der Würde der schwangeren Patientin und das Recht auf Leben des Ungeborenen mit den Prinzipien Nichtschaden, Fürsorge und Selbstbestimmung. Das Ethikkomitee wurde bis zur Entlassung von Mutter und Kind bei allen grundlegenden Entscheidungen zu Rate gezogen. Zum Schutz der Persönlichkeitsrechte der Frau und der gesamten Familie wurde von Anfang an ein möglichst hoher Grad an Vertraulichkeit angestrebt. Alle Beteiligten bitten, Persönlichkeitsrechte und Anonymität der Familie zu respektieren. Es ist ein schweres Schicksal für die Mutter und die gesamte Familie, aber unter äußerst komplizierten Bedingungen konnte das Leben des gesunden Kindes gerettet und gemeinsam eine schwierige klinische Betreuung mit zahlreichen Problemen bewältigt werden.

Download Foto1 / Abdruck honorarfrei - Belegexemplar erbeten (6KB)

Download Foto 2 / Abdruck honorarfrei - Belegexemplar erbeten (1MB)

Download Foto 3 / Abdruck honorarfrei - Belegexemplar erbeten (548KB)

Download Foto 3 / Abdruck honorarfrei - Belegexemplar erbeten (656KB)

Weitere Informationen:
Johannes Eissing
Telefon: 09131 85-36102
E-Mail: presse@uk-erlangen.de