Ektodermale Dysplasie

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"Wer schwitzen kann, der darf auch rennen"

Die lebensbedrohliche Erbkrankheit Ektodermale Dysplasie galt als unheilbar – bis Prof. Dr. Holm Schneider und PD Dr. Florian Faschingbauer am Uni- Klinikum Erlangen die weltweit ersten Therapieversuche unternahmen: Dank einer pränatalen Proteinspritze ins Fruchtwasser der Mutter sind die ersten drei Kinder außer Lebensgefahr.

Corinna und Tobias T. haben sich für ihren ältesten Sohn Joshua Geschwister gewünscht. Linus und Maarten, geboren im April 2016, wissen noch nicht, dass es das Größte für ihre Eltern ist, wenn sich auf den Nasen der Kleinen Schweißperlen bilden. Foto: Michael Rabenstein/Uni-Klinikum Erlangen

Joshua ist fünf Jahre alt. Er hat nur drei spitze Zähne, kaum Haare und eine blasse, trockene Haut. Viel schwerer als diese Äußerlichkeiten wiegt aber etwas anderes: Joshua kann nicht schwitzen. Ist die Umgebung zu warm, legt er sich reflexartig auf den kalten Fußboden. Denn wenn sein Körper überhitzt, könnte er sterben. Von 30.000 Kindern leidet eines an der Erbkrankheit Ektodermale Dysplasie – so auch Joshua. Als seine Mutter Corinna T. erfuhr, dass sie die Trägerin des Gendefekts ist, standen sie und ihr Mann Tobias T. vor der Frage: Wollen wir weitere Kinder? Das Risiko, erneut ein Baby mit Ektodermaler Dysplasie zu bekommen, lag bei 50 zu 50.

In einer Selbsthilfegruppe hatte Corinna T., die mit ihrer Familie in der Nähe von Bremen lebt, von Prof. Dr. Holm Schneider gehört und Kontakt aufgenommen. Der Oberarzt der Kinder- und Jugendklinik (Direktor: Prof. Dr. Dr. h. c. Wolfgang Rascher) des Uni-Klinikums Erlangen und Sprecher des Zentrums für Ektodermale Dysplasien Erlangen betreut seit fast 20 Jahren die Patienten mit den auffällig spitzen Zähnen. Er weiß: "Das Gefährliche an der 'Vampirkrankheit‘ sind die fehlenden Schweißdrüsen.

Immer wieder sterben vor allem kleine Kinder mit Ektodermaler Dysplasie an einer Überhitzung, weil sie sich selbst noch nicht helfen können. Sie sind noch nicht imstande, einfach in den Schatten zu gehen, ein aufgeheiztes Auto zu verlassen oder sich mit Wasser abzukühlen", sagt der Experte. "Nicht schwitzen zu können, so hat es einer meiner Patienten erklärt, das ist wie Fahren mit einem Motor ohne Kühlung. Und das bedeutet riesige Einbußen an Lebensqualität in einer Familie."

"Irgendwer muss Vorreiter sein"

Mit der Injektion eines Ersatzproteins in die Fruchtblase haben Prof. Dr. Holm Schneider (r.) und PD Dr. Florian Faschingbauer eine erbliche Entwicklungsstörung korrigiert, die bislang unheilbar war. Foto: Michael Rabenstein/Uni-Klinikum Erlangen

Dem Baby, das im Mutterleib heranwächst, die fehlenden Schweißdrüsen mitzugeben, die ihm später das Leben retten – das war Prof. Schneiders Vision. Als Corinna T. erneut schwanger wurde – diesmal mit Zwillingen, die ebenfalls Ektodermale Dysplasie haben würden –, entschieden sich die Eltern für eine Behandlung in Erlangen. "Wir hatten nichts zu verlieren. Irgendwer muss ja Vorreiter sein. Wir konnten etwas tun, das unseren Kindern das Leben erleichtert", begründet Corinna T. ihre Entscheidung. Nach fast zwanzigjähriger Forschung unternahm Holm Schneider im Februar 2016 gemeinsam mit PD Dr. Florian Faschingbauer von der Frauenklinik (Direktor: Prof. Dr. Matthias W. Beckmann) des Uni-Klinikums Erlangen den weltweit ersten Therapieversuch gegen die Erbkrankheit – direkt in der Gebärmutter.

Therapie im Mutterleib

Joshua und seine zwei kleinen Brüder: Allen drei Jungen sieht man die Ektodermale Dysplasie an. Doch die Zwillinge haben schon jetzt mehr Zähne und können ihre Körpertemperatur problemlos regulieren. Foto: Michael Rabenstein/Uni-Klinikum Erlangen

Ektodysplasin A1 (EDA1) ist ein Protein, das normalerweise im Körper vorkommt. Während der Entwicklung des Kindes im Mutterleib sorgt es dafür, dass sich Haare, Zähne und Hautanhangsgebilde wie die Schweißdrüsen bilden. Föten mit X-chromosomaler Hypohidrotischer Ektodermaler Dysplasie (XLHED) fehlt das EDA1-Protein – auch den ungeborenen Zwillingen Linus und Maarten.

 "Die letzte Studie, in der EDA1 Neugeborenen verabreicht wurde, hat uns gezeigt, dass wir nach der Geburt die Entwicklung von Schweißdrüsen nicht mehr beeinflussen können. Unsere Schlussfolgerung war: Die Behandlung muss im Bauch der Schwangeren erfolgen – sonst ist es zu spät", erläutert Holm Schneider. Im Rahmen ihres erfolgreichen Heilversuchs injizierten Prof. Schneider und PD Faschingbauer also ein Ersatzprotein in die Gebärmutter von Corinna T.: genau in die beiden Fruchtblasen der Zwillinge – jeweils in der 26. Schwangerschaftswoche, ein zweites Mal 39 Tage später. Einen weiteren Jungen von anderen Eltern behandelten die Erlanger Ärzte nur einmal: in der 26. Schwangerschaftswoche. Unter Ultraschallkontrolle spritzte PD Faschingbauer jeweils 15 Milliliter des Medikaments vorsichtig in die mit Flüssigkeit gefüllte Fruchtblase, ohne den Fötus zu berühren. "Das Ersatzprotein würde über den Blutkreislauf der Mutter nicht in den Körper des Kindes gelangen, weil es die Plazentaschranke nicht überwindet", erklärt Prof. Schneider. "Eine vielversprechende Möglichkeit, dass EDA1 den Fötus erreicht, war deshalb die direkte Gabe ins Fruchtwasser."

EDA1 allein genügte aber nicht. Es brauchte ein Vehikel, um das Protein im "Huckepackverfahren" in den kindlichen Organismus zu transportieren. "Hierfür nutzen wir die sogenannte Fc-Komponente – einen Bestandteil menschlicher Antikörper", erklärt Prof. Schneider. "Die Föten schlucken das Fruchtwasser mit dem darin enthaltenen Fc-EDA1. Spezielle Rezeptoren im Darm des Kindes fischen dann aus der getrunkenen Flüssigkeit alles heraus, was die Fc-Komponente enthält. So gelangt auch das EDA1-Protein – der eigentliche Wirkstoff – wie ein mütterlicher Antikörper über den Darm des Kindes in dessen Blutkreislauf."

Wie gesunde Kinder

Schweißtest am Unterarm: Je weiter die blaue Spirale wächst, desto mehr Schweiß hat die Haut abgegeben. Die Zwillinge schwitzen vollkommen normal. Foto: Michael Rabenstein/Uni-Klinikum Erlangen

Bei allen drei behandelten Kindern bildeten sich dank der Proteininjektion Schweißdrüsen und zusätzliche Zahnanlagen. "Ein paar Wochen nach der Geburt merkten wir, dass sich die Haut der Zwillinge ganz normal anfühlte. Später entdeckten wir Schweißtropfen: im Nacken, auf der Stirn, auf der Nase“, berichtet Corinna T. "Im Sommer war der Bezug der Babyschale manchmal völlig verschwitzt – die Freude war für uns riesengroß!" Prof. Schneiders Messungen und mikroskopische Aufnahmen der Schweißdrüsen belegen: Linus und Maarten transpirieren wie gesunde Kinder. Holm Schneider weiß, was das für ein Kinderleben bedeutet: "Wer schwitzen kann, der darf auch rennen – und zwar nach Herzenslust."

Multizentrische Klinische Studie

Die Mikroskopaufnahme beweist: Bei Linus und Maarten haben sich genauso viele Schweißdrüsen gebildet wie bei anderen Kindern in ihrem Alter. Foto: Michael Rabenstein/Uni-Klinikum Erlangen

Die Behandlung in Erlangen fand noch nicht im Rahmen einer klinischen Studie statt, sondern war bisher "nur" ein medizinischer Heilversuch – für den allerdings strenge ethische Auflagen galten. "Wir wollten das Protein früh genug in der Schwangerschaft injizieren, um noch Einfluss auf die Entwicklung von Schweißdrüsen und Zähnen zu nehmen", erläutert Prof. Schneider. "Andererseits mussten wir die Injektion so weit wie möglich hinauszögern, um nicht im schlimmsten Fall eine extreme Frühgeburt auszulösen, die das Leben der Kinder gefährdet." Alle drei behandelten Kinder haben von der pränatalen Therapie enorm profitiert. Die Erlanger Ärzte konnten mit der Methode zwar nicht alle Symptome, jedoch das Hauptmerkmal der Krankheit ausschalten.

Die Mediziner schließen deshalb nun eine klinische Studie mit einer größeren Patientenzahl an – gemeinsam mit anderen Zentren in Deutschland, Frankreich und Großbritannien. "Joshua geht es gut, er kennt es ja nicht anders", sagt Corinna T. über ihren "Großen". "Er geht zum Handball und ist ein echtes Hallenkind. Wenn es ihm zu heiß wird und er sich bis auf die Unterwäsche auszieht, muss man ihn machen lassen, Vertrauen haben. Er kommt inzwischen mit seiner Krankheit zurecht."

Gleichwohl sind Corinna T. und ihr Mann froh, dass sie bei Linus und Maarten die Wahl hatten. Dass sie eine Entscheidung getroffen haben, die ihr Leben als Familie in eine positive Richtung lenkte. "Wir wollen weiterhin anderen Mut machen und über Ektodermale Dysplasie aufklären. Wir haben drei besondere Kinder und lieben sie alle so, wie sie sind."

Quelle: Jahresbericht 2017 des Uni-Klinikums Erlangen