Kinderurologie

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In trockenen Tüchern

Vom Blasentraining bis zur neuen Niere: Die Ärzte und Pflegekräfte der Kinderurologie therapieren mit und ohne Medikamente, mit und ohne OP.

Lesen und Kopfrechnen, Englisch-Vokabeln, Rolle vorwärts: All das lernen Kinder spätestens in der Grundschule. Das Fach "Richtig auf die Toilette gehen" wird nicht unterrichtet. Dabei müssen Heranwachsende oft erst lernen, ihre Blase zu kontrollieren. "Bis zum Ende des fünften Lebensjahres nässt noch jedes dritte Kind gelegentlich im Schlaf ein. Bis zu diesem Alter ist das in der Regel nicht besorgniserregend", erklärt Dr. Karin Hirsch-Koch, Leiterin der Sektion Kinderurologie in der Urologischen und Kinderurologischen Klinik (Direktor: Prof. Dr. Bernd Wullich) des Uni-Klinikums Erlangen.

Krankheitswert kann das Einnässen haben, wenn auch Kinder über fünf Jahre nachts noch mindestens zweimal monatlich Harn verlieren. Je älter die Jungen oder Mädchen sind, desto stärker belastet das Bettnässen einerseits die Betroffenen, die beim Schulausflug Angst haben, einmal mehr auf einem feuchten Laken aufzuwachen, und andererseits die Eltern, die daheim mit dem Wäschewechsel nicht nachkommen und sich wünschen, alles wäre - im wahrsten Sinne des Wortes - endlich in trockenen Tüchern.

"Ebenso bedrückend ist es, wenn junge Patienten tagsüber Urin verlieren, ohne es zu wollen", berichtet Dr. Hirsch-Koch. In den wenigsten Fällen hat die kindliche Inkontinenz organische Ursachen, die eine Operation erfordern: Harnröhrenklappen, die den Harnfluss behindern, Fehlbildungen der Blase und der Nieren oder angeborene neurogene Erkrankungen zum Beispiel. Mehrheitlich ist die kindliche Inkontinenz "funktionell": Ein Teil der Kinder leidet an einer überaktiven Blase, der Overactive Bladder (OAB). OAB-Patienten verspüren einen ständigen Harndrang und entleeren ihre Blase sehr oft - freiwillig oder unfreiwillig. Andere Kinder schieben den Toilettengang auf, "zum Beispiel weil sie durch Spielen oder Fernsehen abgelenkt sind, weil sie den Unterricht nicht stören wollen oder sich vor der Toilette ekeln", weiß Dr. Hirsch-Koch. Weiterhin beobachten die Kinderurologen das Phänomen der dyskoordinierten Miktion. Karin Hirsch-Koch erklärt: "Das heißt, dass das Kind seine Beckenbodenmuskulatur beim Wasserlassen anspannt und die Miktion damit immer wieder unterbricht. So bleibt Restharn in der Blase. Der führt zu Harnwegsinfektionen, bis hin zur Nierenbeckenentzündung." All diese funktionellen Blasenentleerungsstörungen können ohne eine Operation und ohne Medikamente behandelt werden: in der Blasenschule der Kinderurologie.

Sieben Becher am Tag

Unterrichtet wird in der Blasenschule seit 2012 - und zwar von zwei Urotherapeutinnen. Vor der "Einschulung" führen die Kinder gemeinsam mit den Eltern 14 Tage lang Protokoll über ihre Trink- und Miktionsgewohnheiten. Ausgerüstet mit dem Lieblingsgetränk geht es dann zum Diagnostiktag in die Erlanger Kinderurologie. "Einer unserer fünf Ärzte führt ein Anamnesegespräch und untersucht das Kind oder den Jugendlichen, um auszuschließen, dass das Einnässen organisch bedingt ist", sagt Therapeutin Sonja Rotter. Deutet alles auf eine funktionelle Entleerungsstörung hin, kommen Mädchen und Jungen ab sieben Jahren in die Blasenschule. Auf dem Stundenplan stehen: Körperwahrnehmung, Trinkverhalten und Ernährung, Blasenentleerung, Hygiene und Emotionsmanagement innerhalb der Familie.

Auch die sechsjährige Antonella und die zehnjährige Ilayda nehmen Uro-Unterricht. An einem Tisch voller bunter Plastikbecher und Getränke übt Sonja Rotter heute mit den Mädchen, wie man richtig und ausreichend trinkt. "Wie viele solcher Becher solltet ihr denn an einem Tag trinken?", fragt die Urotherapeutin und gibt einen Tipp: "Es sind genauso viele, wie ihr auf dem Tisch seht." "Sieben!", ruft Ilayda. "Und wann trinkt ihr am besten den ersten?", fragt Sonja Rotter weiter. "Gleich morgens zum Frühstück", sind sich die Mädchen einig. Auch die sechsjährige Antonella und die zehnjährige Ilayda nehmen Uro-Unterricht. An einem Tisch voller bunter Plastikbecher und Getränke übt Sonja Rotter heute mit den Mädchen, wie man richtig und ausreichend trinkt. "Wie viele solcher Becher solltet ihr denn an einem Tag trinken?", fragt die Urotherapeutin und gibt einen Tipp: "Es sind genauso viele, wie ihr auf dem Tisch seht." "Sieben!", ruft Ilayda. "Und wann trinkt ihr am besten den ersten?", fragt Sonja Rotter weiter. "Gleich morgens zum Frühstück", sind sich die Mädchen einig.

Diszipliniert weitere sechs Gläser zu leeren, kann für Kinder schwierig sein. "Wie wär's, wenn du immer bei den Hausaufgaben einen Becher trinkst?", schlägt Sonja Rotter Ilayda vor. Die Zehnjährige ist einverstanden. "Ich muss mal", hakt die kleine Antonella ein, bevor sie überhaupt den ersten Schluck genommen hat. Die Therapeutin begleitet sie aufs "Zauberklo": Ein spezielles Messgerät namens Uroflowmeter misst hier, wieviel Harn in welcher Zeit abgegeben wird. "Jetzt schauen wir uns mal deine Kurve an und gucken, ob etwas in deiner Blase geblieben ist", sagt Sonja Rotter und fährt mit dem Ultraschallkopf über Antonellas Bauch. "Nur noch 15 Milliliter sind drin - das hast du wirklich gut gemacht!"

Neue Blase, neue Niere

Nun sind die meisten Erkrankungen des Urogenitaltrakts nicht allein durch Übung, nicht ohne Medikamente oder ohne eine Operation kurierbar, etwa wenn die Harnblase eines Kindes außen am Körper offenliegt. Oder: wenn die Nieren oder die ableitenden Harnwege fehlgebildet sind, sich bei Jungen die Hoden im Bauchraum befinden und nicht im Hodensack, oder wenn sich Tumoren in den Nieren oder der Blase gebildet haben. Dann müssen Oberärztin Dr. Hirsch-Koch und ihr Team operieren. "In der Erwachsenenurologie geht es häufig um Tumorchirurgie", sagt die Expertin. "Kinderurologen arbeiten im Gegensatz dazu überwiegend plastisch-rekonstruktiv." Karin Hirsch-Koch baut ganze Ersatzblasen aus dem Dick- oder Dünndarmgewebe des Patienten auf. Aus Blind- oder Dünndarm formt die Ärztin einen Tunnel, über den sie die Blase mit dem Bauchnabel verbindet. Darüber kann der Patient dann mithilfe eines Katheters selbst Urin ablassen.

Zur OP-Bandbreite gehören auch Nierentransplantationen bei Kindern und Jugendlichen: Zurzeit warten in Deutschland 92 Kinder bis 16 Jahre auf eine Spenderniere - 9 davon allein in Erlangen. "Meistens verpflanzen wir die Nieren Erwachsener, weil natürlich - Gott sei Dank - gar nicht so viele Nieren von verstorbenen Kindern verfügbar sind", erklärt Dr. Hirsch-Koch. Die Herausforderung: große Niere, kleiner Empfänger.

Das neue Organ wird in das Kleine Becken eingepflanzt und bei größeren Kindern etwa dort, wo sich die eigenen Nieren befinden. In einem Kinderkörper nimmt die Erwachsenenniere viel Platz ein. "Eine große Niere an die winzigen Becken- oder Bauchgefäße eines Kindes anzuschließen und die Bauchdecke nach der OP wieder zu verschließen, ist herausfordernd", erklärt Dr. Hirsch-Koch. "Außerdem kann ein zu großes Spenderorgan Gefäße oder andere Organe komprimieren. Das führt möglicherweise zu Durchblutungsstörungen oder zum Funktionsverlust der anderen Organe."

Deshalb nutzen die Erlanger Kinderurologen einen speziellen Messwert: Mit einer Röntgenaufnahme ermitteln sie beim Empfängerkind den Abstand zwischen dem zweiten Lendenwirbel und dem Unterrand der Iliosakralfuge: Länger darf die Spenderniere nicht sein. "Wir haben immer einen Mangel an größenkompatiblen Organen", beklagt Dr. Hirsch-Koch. Zwei Jahre wartet ein Kind im Schnitt auf eine Niere. Unter-16-Jährige bekommen einen Wartelisten-Bonus. "So junge Patienten brauchen die Nierentransplantation besonders dringend, weil die Dialysepflicht ihre körperliche und seelische Entwicklung immens beeinträchtigen würde." Auch die Eltern oder nahe volljährige Verwandte dürfen eine Niere spenden. "Das hat den Vorteil, dass die Transplantation planbar ist", verdeutlicht Karin Hirsch-Koch. Spender und Empfänger werden zeitgleich operiert.

Wenn es die Gesundheit des Kindes zulässt, plädieren die Erlanger Kinderurologen aber trotzdem erst für die Verstorbenenspende. Dr. Hirsch-Koch begründet das so: "Kinder müssen nicht so lange auf eine Verstorbenenniere warten wie Erwachsene. Sollte das erkrankte Kind im Lauf seines Lebens eine zweite Transplantation benötigen, können wir ihm dann immer noch die Niere eines Verwandten einpflanzen."

Quelle: Jahresbericht 2016 des Uni-Klinikums Erlangen