Stomatherapie

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Innen sind wir alle rosa

Stomapflege der ersten Stunde: Zwei Fachpflegekräfte der Koloproktologie entdramatisieren das Schreckgespenst Stoma. Einfühlsam beraten und versorgen sie ihre Patienten und bereiten sie auf ein selbstständiges Leben nach der Operation vor.

"Ein künstlicher Darmausgang? Damit kann ich nie wieder Fußball spielen oder schwimmen und muss meine Ernährung noch weiter einschränken. Meine Freundin wird sich dann auch von mir trennen! Lieber will ich nicht mehr leben!" Diese Gedanken übermannten Martin S. regelrecht, als ihm die Ärzte zu einem Stoma (griech.: Öffnung) rieten – einer künstlichen Ausleitung seines Darms durch die Bauchdecke. Die chronisch-entzündliche Darmerkrankung Morbus Crohn hatte bei dem 29-Jährigen jahrelang zu heftigen Durchfällen, Darmblutungen und Krämpfen geführt. Er verlor viel Gewicht und fühlte sich permanent kraftlos. Um die dauerentzündete Darmwand zu entlasten, wurde im Frühjahr 2017 ein Enterostoma unausweichlich. "Eigentlich hat jeder, der einen künstlichen Darm- oder Blasenausgang bekommt, die gleichen Ängste wie Martin S. – und dazu Hunderte von Fragen", sagt Gabriele Hofmann, eine von zwei Fachpflegekräften "Stoma, Kontinenz und Wunde" in der Chirurgischen Klinik (Direktor: Prof. Dr. Robert Grützmann) des Uni-Klinikums Erlangen.

Gabriele Hofmann und ihre Kollegin Scarlett Summa weisen Stomapatienten den Weg zurück in die Normalität. Viele Menschen, die ein dauerhaftes oder vorübergehendes Entero- oder Urostoma bekommen, hatten Darm- oder Blasenkrebs. Doch es finden sich auch andere Indikationen, gerade bei jungen Patienten: Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen wie der Morbus Crohn von Martin S., die Colitis ulcerosa oder eine Divertikulitis können ein Stoma nötig machen. Seltenere Ursachen sind Verletzungen, angeborene Fehlbildungen oder Nervenschäden, wegen derer die Betroffenen die Kontrolle über ihren Darm oder ihre Blase verlieren.

60 Jahre Erfahrung

Das Uni-Klinikum Erlangen war das erste Krankenhaus Deutschlands, das in den 1970er-Jahren die Stomapflege einführte. Pionierin war die Krankenschwester Anneliese Eidner, die sich 1976 an der Cleveland Clinic in Ohio, USA, zur Stomatherapeutin ausbilden ließ und nach ihrer Rückkehr in Erlangen Patientenschulungen und eine ambulante Stomasprechstunde anbot. Anneliese Eidner war es auch, die Gabriele Hofmann damals zum Unterricht nach Amerika schickte. Gabriele Hofmann erinnert sich: "Einmal hatte ich einen dunkelhäutigen Patienten. Als er sein fertiges Stoma sah, stellte er erstaunt fest: 'Oh, I’m red inside, too!'" Diesen Satz vergisst die Stomatherapeutin nicht. Denn es ist genau diese Banalität und Alltäglichkeit, die Gabriele Hofmann und Scarlett Summa ihren Patienten bis heute mitgeben wollen: "Innen sind wir alle rosa!"

Geben ihr Wissen weiter

Neben ihren täglichen Anleitungen in der Chirurgie schulen Gabriele Hofmann und Scarlett Summa auch die Kollegen anderer Stationen darin, wie sie mit Stomapatienten richtig umgehen. Die beiden Expertinnen sind bei präoperativen Gesprächen dabei, helfen bei Stomamarkierungen und Notfällen. Außerdem geben sie regelmäßig einen dreitägigen Stomakurs für Mitarbeiter und andere Pflegekräfte aus ganz Europa. Sie sind gefragte Referentinnen bei Kongressen und Mitautorinnen mehrerer Fachpublikationen. Zuletzt steuerten sie für das Buch "Ganzheitliche Pflege bei Patienten mit Stoma. Praxis und Beratung – stationär und ambulant" (Springer- Verlag, 2017) mehrere Kapitel bei. Gabriele Hofmann unterrichtet außerdem an der Deutschen Angestellten-Akademie in Kassel, wo Pflegekräfte die Fachweiterbildung zum "Pflegeexperten Stoma, Kontinenz und Wunde" absolvieren können. Den Lehrplan hatten Gabriele Hofmann und Scarlett Summa Mitte der 1990er-Jahre mit entwickelt.

Fragen beantworten – Ängste nehmen

Die zwei Teamplayerinnen haben zusammen über 60 Jahre Stomatherapie-Erfahrung. Täglich versorgen sie in der Sektion Koloproktologie (Leiter: Prof. Dr. Klaus Matzel) des Uni- Klinikums Erlangen 12 bis 15 stationäre Patienten. Hat der Chirurg seine OP-Aufklärung beendet, bereiten die beiden Fachpflegekräfte den zukünftigen Stomaträger behutsam auf sein Leben mit einem künstlichen Darmoder Blasenausgang vor. Sie nehmen Ängste: "Natürlich dürfen Sie danach noch reisen!" Sie entkräften Vorurteile: "Stomabeutel sind völlig geruchsdicht!" Und sie beantworten Fragen: "Eine Stoma-Diät gibt es nicht. Essen Sie in Zukunft einfach fünf bis sechs kleine Mahlzeiten am Tag." Die Stomaexpertinnen zeigen dem Patienten verschiedene Materialien, informieren ihn darüber, wie es nach der Entlassung weitergeht und an welche Ansprechpartner und Selbsthilfegruppen er sich wenden kann.

Jedem Stoma seinen Platz

Dann kann es kurz kitzeln: Gabriele Hofmann oder Scarlett Summa zeichnen auf dem Bauch des zukünftigen Stomaträgers die Stelle für den neuen Darm- oder Blasenausgang an; wasserfeste Markierungen dienen später als Orientierung für den Operateur. "Beim Anzeichnen beziehen wir den Patienten ein", erklärt Gabriele Hofmann. "Denn das Stoma soll später für ihn gut zu sehen und zu erreichen sein. Es soll nicht stören oder in einer Hautfalte verschwinden." Tausende Male schon haben Gabriele Hofmann und Scarlett Summa den passenden Platz für ein Stoma gefunden. Es kam auch vor, dass der Chirurg eine der beiden Pflegekräfte in den OP-Saal bat und sich versicherte, dass das Stoma wirklich die gewünschte Form und Lage hat.

Offenheit und Vertrauen

"Wenn die OP geschafft ist und der Patient sich etwas erholt hat, nehmen wir uns erst mal mindestens eine Stunde am Bett", sagt Scarlett Summa. Die Kolleginnen kümmern sich um die frische Wunde und schulen den Operierten: Welche Beutelgröße passt? Wie trage ich den Beutel diskret am Körper? Wie oft muss er geleert werden? Welche Lösungen gibt es für Sport, Sauna und Schwimmbad? Zu allen prä- und postoperativen Gesprächen laden die Stomatherapeutinnen auch Lebenspartner und Angehörige ein. "Oft hat der Partner noch Fragen, auf die der Patient gar nicht kommt, weil er erst einmal alles verarbeiten muss", erklärt Gabriele Hofmann. "Auch der Partner sollte wissen, wie das Stoma zu versorgen ist und was beachtet werden muss. Wir bestärken Paare und Familienmitglieder darin, offen mit der neuen Situation umzugehen."

Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus erhält der Stomaträger sein Material und weitere Anleitungen von einem Home-Care-Unternehmen oder einem Sanitätshaus. Seine häusliche Versorgung muss er ab jetzt selbst übernehmen – oder einen ambulanten Pflegedienst bestellen. "Viele ältere Menschen merken erst zu Hause, wie hilfreich es war, täglich eine Pflegekraft um sich zu haben", weiß Scarlett Summa. Viele Stomaträger kommen deshalb nach ihrer Entlassung weiter in die ambulante Stomasprechstunde der Erlanger Chirurgie.

Ein neues Leben

Das Leben geht weiter – mit Stoma oft besser als zuvor. Wer seit Jahren an einer schweren Krankheit leidet, für den kann ein Stoma eine positive Veränderung bedeuten. Auch Martin S. hat gelernt, sich auf die Vorteile zu konzentrieren, die sein Stoma ihm bietet: durchschlafen zu können, ohne ständig auf die Toilette zu müssen, wieder frei von Schmerzen und fast unabhängig von Medikamenten zu leben. Die Freundin des 29-Jährigen war bei der Stomaschulung am Uni- Klinikum Erlangen dabei und hat beim Anlegen des Versorgungsmaterials genau hingesehen. Sie möchte ihren Partner unterstützen und hat weniger Scheu vor dem Stoma, als Martin S. erwartet hätte. Dazu haben Scarlett Summa und Gabriele Hofmann sehr viel beigetragen.

Quelle: Jahresbericht 2017 des Uni-Klinikums Erlangen