Nierenspende

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Ein zweites Leben geschenkt

Rund 8.000 schwer kranke Menschen warten in Deutschland auf eine Nierenspende. Allein am Transplantationszentrum Erlangen-Nürnberg stehen mehr als 400 Patienten auf der Warteliste. Die Lebendspende und "old for old" sind oft ein Ausweg. 

Die Nierentransplantation ist die häufigste Organverpflanzung weltweit. Seit der Gründung des Transplantationszentrums Erlangen-Nürnberg im Jahr 1966 wurden hier 2.801 Nieren transplantiert. Foto: Uni-Klinikum Erlangen

Freitagnachmittag, die Frühlingssonne scheint durch das große Fenster in den Raum im Untergeschoss des Internistischen Zentrums: Zum letzten Mal vor der Transplantation ist Petra S. an das Dialysegerät angeschlossen, zum letzten Mal wird knapp fünf Stunden lang ihr Blut gewaschen, weil ihre Nieren diese Aufgabe schon lange nicht mehr übernehmen. Am Montagmorgen ist es so weit: Dann wird der 44-Jährigen die rechte Niere ihres Mannes eingepflanzt: eine Lebendorganspende. Eine neue Hoffnung, ein neues Leben für das Ehepaar aus Freystadt in der Oberpfalz. Die beiden wissen recht gut, was auf sie zukommt, denn Petra S. erhält bereits die dritte Nierenspende. 

Vor 26 Jahren fing alles an: mit Kopfschmerzen. Die junge Frau konsultierte ihren Hausarzt, dieser diagnostizierte Bluthochdruck und verschrieb Arzneimittel. Doch die Hypertonie ließ sich nicht einstellen. Es folgten Jahre der Medikamenteneinnahme, ein daraus resultierendes Magengeschwür, eine operative Magenverkleinerung, weitere stationäre Aufenthalte, strenge Diäten etc. Nach sieben Jahren waren beide Nieren so geschädigt, dass Petra S. zur Dialyse musste. Die Ursache für den Bluthochdruck ist bis heute unbekannt - nun stand die Frischvermählte auf der Warteliste für eine Spenderniere. "Dreimal die Woche musste ich zur Dialyse. Jetzt war ich immer abhängig, immer eingeschränkt. Belastend ist gar nicht so sehr die Zeit, die man an der Maschine verbringen muss, es ist eher der Verzicht auf so vieles, was Lebensqualität ausmacht", erklärt die Patientin. Überraschend schnell, schon nach zwölf Monaten, kam damals nachts der ersehnte Anruf: eine Niere! "Ich dachte, jetzt hätte ich es überstanden." Doch drei Jahre später merkt Petra S., dass etwas nicht stimmt. Sie kennt die Symptome, die Wassereinlagerungen im Körper, die Atemnot - dennoch zögert sie den Arztbesuch hinaus, will nicht schon wieder zur Dialyse. Anfang 1996 sind die Werte allerdings wieder so schlecht, dass kein Weg um die Blutwäsche herumführt. Diesmal dauert das Warten sieben Jahre: Erst 2003 erhält die Oberpfälzerin eine neue Niere. 

"In all dieser Zeit war ich in Vollzeit angestellt", betont die Beamtin. "Ich wollte mir das selbst beweisen. Ich habe mich doppelt angestrengt, meine Arbeit doppelt gut gemacht. In meinem Leben sollte es noch ein anderes Thema geben als meine kaputten Nieren." Das Ehepaar wagt sich auch in den Urlaub. "Das war ganz richtig so", erläutert Dr. Katharina Pressmar, Ärztin der Medizinischen Klinik 4 - Nephrologie und Hypertensiologie (Direktor: Prof. Dr. Kai-Uwe Eckardt) am Uni- Klinikum Erlangen und Klinikum Nürnberg und Leiterin der Transplantationszentrale. "Unsere Patienten dürfen sich von der Wartezeit nicht das Leben diktieren lassen. Man muss auch mal in die Ferien fahren, das ist wichtig für die psychische und die physische Gesundheit." Allerdings solle man den Mitarbeitern der Transplantationszentrale vor der Abreise kurz Bescheid geben, denn wenn doch genau in dieser Zeit die ersehnte Nachricht kommt, dann werden in Erlangen alle Hebel in Bewegung gesetzt, um den Empfänger zu finden. Dr. Pressmar, ihr Kollege Dr. Alexander Weidemann und zwei Mitarbeiterinnen betreuen die rund 800 Schwerkranken, die über das Uni-Klinikum Erlangen auf eine der Wartelisten des mitteleuropäischen Transplantationsverbunds "Eurotransplant" gesetzt wurden: für Niere, Herz, Leber oder Bauchspeicheldrüse.

Viele Stunden ihres Lebens hat Petra S. bei der Dialyse verbracht. Nun erhielt die 44-Jährige bereits das dritte Spenderorgan: eine Lebendnierenspende ihres Mannes - vielleicht ihre letzte Chance. Foto: Uni-Klinikum Erlangen

104 Nieren, 17 Lebern, 9 Herzen und 11 Bauchspeicheldrüsen wurden im Jahr 2011 am Uni-Klinikum transplantiert. Knapp ein Drittel der verpflanzten Nieren waren Lebendorganspenden und dieser Anteil steigt weiter an. Seit 2004 ist diese Form der Organspende auch über die Blutgruppengrenze hinweg möglich. Eine seiner beiden gesunden Nieren hergeben darf allerdings nicht jeder: Spender und Empfänger müssen miteinander verwandt sein oder in einem sehr engen persönlichen Verhältnis zueinander stehen. Zunächst führen Dr. Pressmar und ihr Kollege ein langes Beratungsgespräch mit beiden - anschließend wird der Spender "auf Herz und Nieren" überprüft. "Wir unterziehen ihn einem intensiven Check-up unter Beteiligung vieler Fachärzte - so gründlich wird man wohl nur einmal im Leben untersucht", erklärt Katharina Pressmar. "Für uns Ärzte ist so eine Lebendnierenspende jedes Mal eine Herausforderung, schließlich handelt es sich nicht um einen Heileingriff, sondern wir operieren einen gesunden Menschen."

So einen Check-up hat auch Helmut S. hinter sich, denn er hatte sich dazu entschlossen, nun selbst seiner Frau eine Niere zu spenden. "Nach der Transplantation 2003 waren die Werte anfangs echt gut, mir ging es gut, wir genossen die wiedererlangte Freiheit", erinnert sich Petra S. "Doch im Januar 2011 infizierte ich mich mit einem Virus und mit den Nierenwerten ging es bergab. Ich hab's dann schon geahnt." Ihre dritte Chance, "vielleicht meine letzte", wie sie selbst sagt, ist nun ihr Mann, ihr "Joker im Hintergrund". Das Paar hat die gleiche Blutgruppe, ihre Kreuzprobe fiel passend aus und Helmut S. war gesund - nur ein bisschen abnehmen sollte er; der Kfz-Meister meldete sich gleich im Fitnessstudio an und trainierte seine Bauchmuskeln. Er habe eher Respekt vor dem Eingriff als Angst - Angst habe seine Frau: dass es ihm schlecht gehe, dass es ihr besser gehe auf seine Kosten. Am Montagmorgen um 7.30 Uhr geht es in den OP-Saal, voraussichtlich vier Stunden dauert die Verpflanzung und dann heißt es hoffen, dass Petras Körper Helmuts Niere auch gut annimmt. 

Politik gefordert

Das Ehepaar teilte sich auf Station ein Zimmer und gab sich in den letzten Stunden vor der Nierentransplantation gegenseitig Kraft. Foto: Uni-Klinikum Erlangen

Das Ehepaar investiert nicht nur viel Kraft und Zeit - immerhin fällt Helmut in der Werkstatt aus -, sondern auch Geld. Nur sein Nettoverdienst wird von der Krankenkasse seiner Frau erstattet, die sozialversicherungspflichtigen Abgaben trägt er selbst. "Hier sollte die Politik mal ansetzen", plädiert Helmut S. "Nicht jede Familie kann sich das leisten." Im Frühjahr 2012 wurde ein weiterer Aspekt der Organspende viel diskutiert: die geplante Gesetzesänderung, die die Krankenkassen dazu verpflichten soll, ihre Mitglieder mehr über das Thema zu informieren. Vielen geht das nicht weit genug, angesichts des eklatanten Organspendemangels fordern sie die Widerspruchslösung für die Hirntoten- Organspende wie in Spanien oder Österreich. Auch Prof. Eckardt hatte auf einen größeren Schritt durch die Politik gehofft, denn in Deutschland dokumentieren viel zu wenige Menschen ihre Bereitschaft zur Organspende im Fall des Hirntods, zum Beispiel auf einem Organspendeausweis: "Dadurch kommt es regelhaft zu sehr schwierigen Situationen für die Angehörigen, die bei einem eingetretenen Hirntod im Sinne des Verstorbenen entscheiden müssen." - Bei Petra und Helmut S. ist die Transplantation gut verlaufen, beide haben gesunde Werte - und so die Chance auf ein neues "zweites" Leben.

Wieder fit dank Old-for-old-Programm

Rainer M. plädiert für das Tragen eines Organspendeausweises: "Wie wichtig das ist, merkt man wohl erst, wenn es einen selbst betrifft." Foto: Stiftung "Fürs Leben"

Dank eines Sonderprogramms, das Eurotransplant 1999 speziell für ältere Patienten auf der Warteliste zur Nierentransplantation eingeführt hat, konnte Rainer M. im Januar 2012 seinen 65. Geburtstag und im Februar den Start in sein zweites Leben feiern.

"Meine Erkrankung verlief schleichend, ich hab's selbst kaum gemerkt", erinnert sich der Heidenheimer. "Das ging 2008 ganz schnell, mein Hausarzt schickte mich sofort ins Krankenhaus und zur Dialyse." Anstatt seinen Ruhestand zu genießen, muss er nun dreimal die Woche zur Blutwäsche. Gemeinsam mit seiner Ehefrau nimmt er regelmäßig an Seminaren zu Transplantationsthemen teil, hält sich auf dem Laufenden über neue Verfahren und Gesundheitstipps. Etwa ein Jahr vor seinem 65. Geburtstag stellt Dr. Pressmar ihm das wenig bekannte Angebot von Eurotransplant vor: "old for old" oder auch "European Senior Program" (ESP). Um die Wartezeit zu verkürzen, können Empfänger, die 65 Jahre und älter sind, sich auf die ESP-Liste setzen lassen. Sie erhalten so die Möglichkeit, Organe von Spendern aus der Region zu erhalten, die ebenfalls 65 Jahre oder älter sind - Organe, die aufgrund ihres Alters nur in Ausnahmefällen jungen Empfängern transplantiert werden. Das Ehepaar wägt das Für und Wider ab und entscheidet sich schnell: "Das machen wir."

Nun bereitet sich Rainer M. bewusst darauf vor, eine Niere zu bekommen. "Dr. Pressmar sagte mir, der Bauch müsse weg", berichtet er. "Also habe ich mich fit gehalten, ging dreimal die Woche schwimmen, machte lange Spaziergänge, absolvierte Krankengymnastik und baute Muskulatur auf." Im Januar 2012 wird er 65 und wechselt auf die ESP-Liste. Bereits drei Wochen später klingelt nachts das Telefon: Das Nierenangebot eines 78-jährigen Spenders steht zur Verfügung. Der Heidenheimer macht sich sofort auf den Weg nach Erlangen, wo ihm dann sogar beide Nierenorgane eingepflanzt werden. "So eine OP ist natürlich kein Pappenstiel", erklärt er. "Ich weiß nicht, ob ich das ohne mein Sportprogramm so gut geschafft hätte." Der aktive Rentner läuft bereits kurz nach der Transplantation wieder durch die Klinikgänge und beginnt nach der Entlassung gleich mit seinen Spaziergängen. In dem kleinen Ort wird natürlich geredet: "Der Rainer läuft ja schon wieder! Wurde der nicht erst operiert?" Der Patient selbst sagt: "Old for old war meine Rettung, meine Lebensqualität ist deutlich gestiegen. Ich bin den Angehörigen des Spenders so dankbar, dass sie die Organe freigegeben haben. Ich ziehe meinen Hut vor dieser Entscheidung!" Rainer M., seine Frau, die beiden Kinder - jeder in der Familie hat nun einen Organspendeausweis.

Quelle: Jahresbericht 2011 des Uni-Klinikums Erlangen

 
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Administration: Kathrin Lenker
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