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„Zuversicht ist mein Naturell“Corona-Patient Wolfgang Friedel wurde über 1.000 Stunden beatmet. Schritt für Schritt kämpfte er sich zurück ins Leben.

Im März 2020 bekam der 72-jährige Wolfgang Friedel Corona. Ein Gespräch über Träume, Mut und das Zählen von Treppenstufen.

60 Stufen. So weit ist es bis in den dritten Stock, zur Wohnung von Wolfgang Friedel im Nürnberger Osten. „In der Reha habe ich mit 10 Stufen angefangen. Jetzt bin ich bei 50 am Stück“, sagt er. Schwer krank war der heute 72-Jährige nie. Bis auf ein operiertes Fußballerknie, eine gerissene Achillessehne und Bluthochdruck fehlte ihm nichts. Sport und Bewegung spielten immer eine Rolle im Leben von Wolfgang Friedel: 25 Jahre Fußball, dazu Golf. Seit fast 20 Jahren bringt er als Golflehrer anderen den Abschlag bei. „Anfang August möchte ich wieder anfangen und meine erste Stunde geben. Ich kann ja mit dem Cart fahren und muss nicht alles laufen“, sagt er.

Ob Wolfgang Friedel je wieder auf einem Golfplatz stehen würde, war im Frühjahr 2020 noch völlig unklar. Im März bekam er Corona – woher, weiß er bis heute nicht. Auch seine 53-jährige Lebensgefährtin Marion steckte sich an. Sie hatte Husten und Halsschmerzen, er erhöhte Temperatur. „Wir lagen beide hier und fühlten uns richtig schlecht. Als Wolfgang gar nicht mehr aufstehen konnte, habe ich nachts um vier den Notarzt gerufen“, erzählt Marion Rogowski. Der Rettungsdienst brachte ihren Lebensgefährten ins Nürnberger Krankenhaus Martha-Maria. „Ich sehe noch die Einfahrt zur Klinik vor mir, die ging so leicht nach unten. Danach weiß ich nichts mehr“, berichtet Wolfgang Friedel. Im Krankenhaus verschlechterte sich sein Zustand. Er bekam Durchfälle, kollabierte und musste künstlich beatmet werden. Am 30. März wurde seine Verlegung ins Uni-Klinikum Erlangen veranlasst. Weil seine Lebensgefährtin selbst an Corona erkrankt war, hielt hauptsächlich Wolfgang Friedels Schwester Kontakt zu den Erlanger Ärztinnen und Ärzten.

Als die Nieren versagten

Bei der Einlieferung ins Uni-Klinikum musste der Corona-Patient dreimal reanimiert werden – er überlebte. Zwei Wochen später: Luftröhrenschnitt. Den nehmen Ärztinnen und Ärzte immer dann vor, wenn jemand für längere Zeit beatmet werden muss. Bei Wolfgang Friedel wurden es weit mehr als 1.000 Stunden an der Beatmungsmaschine – 21 Tage davon im künstlichen Koma. Drei Wochen, in denen er ohne Bewusstsein war, nicht sprechen und nicht essen konnte. Irgendwann versagten seine Nieren. Der Körper lagerte immer mehr Wasser ein und drohte, zu vergiften. Sechs Wochen lang reinigte eine Dialysemaschine Wolfgang Friedels Blut. „In dieser Zeit durfte ich nur vorsichtig trinken und wegen der Nieren auch nicht viel. Schlucken konnte ich ja sowieso nicht richtig“, sagt er. „Man bekommt unheimlichen Durst. Ich fing an, von Cola zu fantasieren. Obwohl ich die eigentlich gar nicht mag.“

Zwischen Traum und Realität

Was Traum war und was Wirklichkeit in den sechs Wochen am Uni-Klinikum Erlangen, weiß Wolfgang Friedel manchmal nicht mehr so genau. „Einmal stand ich mit einem Arzt auf dem Golfplatz. Ganz hinten habe ich eine Fahne gesehen. Ich habe zu ihm gesagt: Wenn diese ganzen Behandlungen hier mal vorbei sind, dann spielen wir das! Und ich gewinne!“ Offensichtlich war das nur geträumt. Doch bald soll das Grün unter Wolfgang Friedels Füßen wieder real sein. „Die Leute vom Golfclub fragen schon nach ihm. Sie wollen ihn endlich wiedersehen“, verrät Marion Rogowski und zeigt eine golden gerahmte Collage mit Fotos und mutmachenden Grüßen der Golfclubmitglieder: „Du schaffst das!“ Das hat dem Kranken viel bedeutet. „Für mich war es immer wichtig, ein unterstützendes soziales Umfeld zu haben. Das ist für die Genesung ganz entscheidend, finde ich.“ Nach sechs Wochen Beatmung im Bett hatte Wolfgang Friedel im Mai 2020 massiv Gewicht verloren. „Durch die lange Intensivbehandlung hat er auch eine Polyneuropathie entwickelt – eine Nervenschädigung, die vor allem die motorischen Nerven betrifft. Aber die Chancen stehen gut, dass sich das zurückbildet“, erklärt Dr. Karl Bihlmaier, Stationsarzt der Medizinischen Klinik 4 – Nephrologie und Hypertensiologie. Er und seine Kollegen betreuten Wolfgang Friedel stationär mit allen Mitteln der modernen Intensivmedizin und einem „hervorragenden Pflegeteam“, wie Dr. Bihlmaier beteuert.

Zwei Monate Reha

Mitte Mai begann dann die Reha in der Klinik Bavaria im sächsischen Kreischa: laufen, sprechen und schlucken lernen, Muskeln aufbauen, die Nerven in den Beinen wieder aktivieren. „Mein Physiotherapeut hat mit mir Übungen gemacht, die mir im Alltag zu Hause etwas bringen – zum Beispiel Treppensteigen“, erzählt Wolfgang Friedel. „Wir mussten dort auch immer die Krankenschwestern hochstemmen“, fährt er fort und verzieht keine Miene. Marion Rogowski lacht: „Seinen Humor hat die ganze Sache nicht beeinträchtigt! Den hat er zum Glück immer noch.“ In der Reha machte Wolfgang Friedel schnell Fortschritte. „Trotzdem dauert eben alles etwas. Die Zeit muss man sich geben“, ist der 72-Jährige optimistisch. Aber er erinnert sich auch an andere Tage: „Ich hatte in der Klinik auch mal Zweifel und habe mich gefragt: Schaffe ich das alles? Wenn zum Beispiel die Schwester vorbeiging, ich etwas brauchte und mich aber nicht bemerkbar machen konnte, weil meine Stimme weg war.“ Trotzdem fand Wolfgang Friedel immer wieder die Motivation, weiterzumachen. „Im Grunde war ich eigentlich immer zuversichtlich. Das ist mein Naturell.“

Bald möchte er mit seiner Lebensgefährtin Dr. Bihlmaier in Erlangen besuchen. „Wir wollen uns bedanken. Und Dr. Bihlmaier sagt, er freue sich, einen Intensivpatienten nach so langer Zeit mal wiederzusehen“, sagt Wolfgang Friedel.

Wolfgang Friedel: Zahlen aus der Corona-Behandlung

72Jahre
Alter Erkrankungsbeginn
1000Stunden
Beatmung
3
Reanimierungen
6Wochen
Dialyse

Text und Bilder: Franziska Männel. Zuerst erschienen in: Magazin „Gesundheit erlangen“, Herbst 2020