Adipositas: zurück zum Normalgewicht

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Alles nur noch halb so schwer

Drei Jahre lang hatte Sonja Bauer ihre Wohnung nicht verlassen. 224 Kilo – sie war so dick geworden, dass sie nicht mehr laufen konnte. Gemeinsam mit den Experten des Adipositaszentrums des Uni-Klinikums Erlangen machte sie sich schließlich auf den Weg zurück in ein normales Leben.

Sonja Bauer aus Haßfurt ist erleichtert – im Januar 2019 (Foto) hatte sie schon fast 90 Kilo verloren. Und ihr Weg geht weiter. „Am Ende wird für mich alles gut“, sagt die 48-Jährige überzeugt. Foto: Michael Rabenstein/Uni-Klinikum Erlangen

Mit rotem Kopf schiebt sich Sonja Bauer keuchend auf einem Spezial-Rollator durch ihre Wohnung. Der Griff zur Kaffeetasse – für sie so anstrengend wie für andere zehn Liegestütze. Jeder Atemzug – für Sonja Bauer wie Luftholen auf dem Mount Everest, ohne Sauerstoffflasche. Die meiste Zeit verbringt sie in ihrem Bett. Aber selbst das Hinlegen schaffte sie nicht mehr allein. Ohne Pflegedienst und die Hilfe einer Nachbarin kommt die Haßfurterin nicht mehr zurecht. „Dieses Gewicht ist über kurz oder lang mein sicherer Tod“, erkennt Sonja Bauer im Herbst 2017.

Die heute 48-Jährige kam schon übergewichtig zur Welt – 5,5 Kilogramm wog sie bei ihrer Geburt. Ihre Eltern waren dick, genau wie ihre Großeltern. „Meine Oma hat zwei Kriege erlebt und immer gesagt: Kinder müssen dick sein. Dicke Kinder stehen für Gesundheit und Wohlstand“, erinnert sich Sonja Bauer. Veranlagung, Erziehung und das An-Essen gegen negative Gefühle ließen sie so extrem zunehmen, dass sie buchstäblich bewegungsunfähig wurde.

Die bislang schwerste Patientin

Mit der Adipositas kamen eine Herzinsuffizienz und Diabetes, eine Fettleber, Unterleibskrebs, eine Lungenentzündung, eine Influenza und extremer Lymphstau in den Ober- und Unterschenkeln. Ende 2017 war Sonja Bauers Gewicht auf dem Höchststand, ihre Psyche ganz unten.

Die Elephantiasis war schmerzhaft und forderte Sonja Bauers Herz-Kreislauf-System: Denn die entstauenden Kompressionsverbände drückten große Mengen Lymphflüssigkeit zurück in den Blutkreislauf. Foto: Michael Rabenstein/Uni-Klinikum Erlangen

Die ehemalige Altenpflegerin wünschte sich, eines Tages wieder laufen zu können, Fahrrad zu fahren oder schwimmen zu gehen, Treppen zu steigen – gesund zu werden. Mit diesen Zielen vor Augen entschied sie sich, sich im Adipositaszentrum des Uni-Klinikums Erlangen behandeln lassen.

224 Kilo – die 48-Jährige war die bis dato schwerste Patientin auf der Spezialwaage des Erlanger Adipositaszentrums. Jedes ihrer Beine wog 80 Kilo. Für Sonja Bauer und zukünftige Patienten mit Extremgewicht wurde ein Spezialbett angeschafft, das mehreren Hundert Kilo standhält. „Wir haben für Frau Bauer eine stufenweise Therapie entworfen – mit konservativen und chirurgischen Bausteinen“, erklärt Prof. Dr. Yurdagül Zopf, Ernährungsmedizinerin und Leiterin des Hector-Centers für Ernährung, Bewegung und Sport an der Medizinischen Klinik 1 – Gastroenterologie, Pneumologie und Endokrinologie (Direktor: Prof. Dr. Markus F. Neurath).

40 % – Im Januar 2019 hatte Sonja Bauer ihr Gewicht schon um 40 Prozent von 224 auf 136 Kilogramm reduziert. „Zielgewicht sind unter 100 Kilo“, sagt Adipositaschirurg Moustafa Elshafei.

Ein Wasserglas voll

Sonja Bauer war jahrelang nicht mehr körperlich aktiv, zuletzt konnte sie nicht mal mehr eine Flasche Wasser aufschrauben. Mit Sportwissenschaftler Dr. Dejan Reljic begann sie mit leichten, anregenden Übungen. „In einer späteren Phase bekommen Patienten bei uns auch Ergometer- und EMS-Training“, erklärt Dr. Reljic. Foto: Michael Rabenstein/Uni-Klinikum Erlangen

Patienten, die bariatrisch operiert werden wollen – das heißt: wegen ihres Übergewichts, müssen „compliant“ sein, also hinter ihrer Therapie stehen und mitwirken. Sie müssen nachweisen, dass für sie eine Ernährungs-, Bewegungs- und Psychotherapie allein nicht mehr ausreicht. „Von zehn Patienten operieren wir am Ende zwei“, sagt Moustafa Elshafei, Oberarzt der Chirurgie des Uni-Klinikums Erlangen. Sonja Bauer war im Februar 2018 körperlich und seelisch bereit für ihre erste Operation: Ihr Magen sollte deutlich kleiner werden. „Durch die konservative, nicht-operative Therapie im Vorfeld haben wir Frau Bauers OP-Risiko gesenkt. Trotzdem: Mit über 180 Kilo war sie immer noch eine Hochrisikopatientin“, erklärt Moustafa Elshafei.

In einem zweistündigen Eingriff musste er viel Fett aus der freien Bauchhöhle entfernen, um den Magen freizulegen. Über die Jahre war das Verdauungsorgan auf ein Volumen von über zwei Litern angewachsen – normal ist ein Liter. Moustafa Elshafei trennte einen großen Teil des Magens ab und formte einen schlauchförmigen Rest, der nur noch 200 Milliliter fasste – so viel wie ein Wasserglas. Der Effekt: Nach der OP war Sonja Bauer schon nach einer Toastscheibe satt. „Durch das entfernte Fettgewebe haben wir den Druck im Bauch reduziert, damit die Venen entlastet und erreicht, dass die Lymphe wieder besser in den Bauch zurückfließen kann, wo die Lymphknoten sie filtern“, erläutert Moustafa Elshafei.

80 – Vor der Behandlung betrug der Body-Mass-Index von Sonja Bauer 80. Normal ist ein Wert zwischen 19 bis 25.

Sonja Bauers Blutzuckerwerte und die starke Elephantiasis an den Beinen besserten sich. Sie konnte die Dosis ihrer Blutdruckmedikamente halbieren, wechselte vom Rollator-Sitz auf zwei Krücken und machte eine dreiwöchige Reha an der Földiklinik – einer Fachklinik für Lymphologie im Schwarzwald. Mit ihrem Körper wurde auch das Gemüt der 48-Jährigen wieder leichter. Ende Januar 2019 wog sie noch 136 Kilo.

Im Adipositasboard beraten sich unter anderem Ernährungsmediziner wie Prof. Dr. Yurdagül Zopf (l.), Chirurgen wie Moustafa Elshafei (r.), Experten für Psychosomatik und Plastische Chirurgen zu geeigneten Therapieschritten. Foto: Michael Rabenstein/Uni-Klinikum Erlangen

Im Team mit den Adipositaschirurgen der Chirurgischen Klinik (Direktor: Prof. Dr. Robert Grützmann), mit Internisten, Endokrinologen, Dermatologen, Gynäkologen, Psychologen und Plastischen Chirurgen möchte Prof. Zopf das Leben von schwer Übergewichtigen wieder leichter machen: „Bis zur geplanten OP sollte Frau Bauer deutlich abnehmen – mit eiweißreicher Ernährung, 800 Kalorien pro Tag und appetitzügelnden Hormonen. Dazu kam ein leichtes körperliches Training, um ihren Kreislauf zu aktivieren und sie zu mobilisieren. Am Ende verlor sie so über 40 Kilo.“ Sonja Bauers erste Erfolge wurden auch verhaltenstherapeutisch begleitet. „Ein Psychologe hat lange mit mir geredet“, erinnert sich die Haßfurterin an die ersten Wochen in Erlangen. „Ihn hat es nicht interessiert, dass ich dick bin. Er hat nicht mal wissen wollen warum – das war schön.“ Ihr Leben lang hat Sonja Bauer meist nur Spott und Ablehnung erfahren. Ihren Kummer schluckte sie hinunter – zusammen mit viel zu großen Mahlzeiten. „Eine Verhaltenstherapie ist deshalb so wichtig, weil Frau Bauer auch nach dem Abnehmen darauf achten muss, nicht wieder aus Frust oder Stress zu essen“, erklärt Prof. Dr. (TR) Yesim Erim, Leiterin der Psychosomatischen und Psychotherapeutischen Abteilung des Uni-Klinikums Erlangen.

Die Verdauung umgehen

Die Ernährungsmediziner und Sportwissenschaftler im Hector-Center checkten sie erneut durch, überprüften Blutdruck und Fitness, die Mikronährstoffe und Vitamine in ihrem Blut und maßen ihre Körperzusammensetzung. „Anfang 2019 war das Verhältnis von fettfreier Masse und Körpergröße in den oberen Normalbereich gerutscht. Die Skelettmuskelmasse war aber mit 25 Prozent noch viel zu gering – die sollte eigentlich bei mindestens 60 Prozent liegen“, schlüsselt Yurdagül Zopf auf. „Unsere Patienten sollen nicht nur abnehmen, sondern gleichzeitig fitter werden und Muskeln aufbauen.

Sicherheitshalber operieren die Chirurgen Sonja Bauer in zwei Stufen – erst bekam sie einen Schlauchmagen, ein Jahr später folgt der Magenbypass. Foto: Michael Rabenstein/Uni-Klinikum Erlangen

Das ist auch eines unserer Hauptziele für Frau Bauer.“ Während sich das Ernährungsteam die „inneren Werte“ ansieht, widmen sich die Ärzte der Plastisch- und Handchirurgischen Klinik (Direktor: Prof. Dr. Dr. h. c. Raymund E. Horch) der Körpersilhouette. „Frau Bauer hat massive Hautlappen an den Beinen und entzündete Stellen am Bauch, die wir in mindestens zwei bis drei Sitzungen entfernen und straffen werden“, schätzt Oberarzt Dr. Ingo Ludolph ein. Bei ihrer Physiotherapie bekommt Sonja Bauer täglich eine Stunde Lymphdrainage. Trotzdem staut sich noch viel Lymphe und auch Fett in ihrer unteren Körperhälfte. „Erst muss noch einiges an Masse weg. Dann sollte das Gewicht für mindestens sechs Monate stabil bleiben. Wir überstürzen nichts – es soll ja gut werden“, erklärt Ingo Ludolph vor der zweiten großen Adipositasoperation: dem Magenbypass.

„Mit dieser Magen-Darm-Umgehung wird Frau Bauer nochmals deutlich ab- und höchstwahrscheinlich nicht mehr gravierend zunehmen.“
Moustafa Elshafei, Oberarzt und Leiter des Bereichs Adipositaschirurgie in der Chirurgie des Uni-Klinikums Erlangen

Dieser stand im April 2019 an. Bypass bedeutet: Die Nahrung sammelt sich in einer etwa 20 Milliliter kleinen chirurgisch abgetrennten Magentasche und wird dann direkt in den unteren Dünndarm geleitet – den Zwölffingerdarm umgeht sie. Der Großteil der aufgenommenen Kalorien wird also nicht verdaut. „Mit dieser Magen-Darm-Umgehung wird Frau Bauer nochmals deutlich ab- und höchstwahrscheinlich nicht mehr gravierend zunehmen“, sagt Moustafa Elshafei. Trotzdem ist es wichtig, dass die Patientin alle nötigen Nährstoffe, Vitamine und Spurenelemente bekommt und keine Mangelernährung entwickelt. Das Team des Adipositaszentrums erklärt ihr deshalb, welche Nahrungsergänzungsmittel und Medikamente sie künftig einnehmen muss.

Prof. Zopf weiß, dass Sonja Bauers Weg nicht am Uni-Klinikum Erlangen endet: „Selbst wenn die Therapie bei uns abgeschlossen ist – Frau Bauer muss dranbleiben.  Auch dann, wenn sie nicht täglich jemand motiviert und ihre Ernährung und Lebensweise kontrolliert. Sie kennt sich selbst am besten und muss in Zukunft mehr denn je für sich einstehen.“

Quelle: Jahresbericht 2018/19 des Uni-Klinikums Erlangen, Franziska Männel