Demenz: für eine frühe Diagnose

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Rot steht für das Vergessen

Bis zu zwanzig Jahre vor dem Auftreten klinischer Symptome kann der Erlangen Score eine Alzheimer-Demenz feststellen. Seit Mitte 2018 wenden mehrere internationale Institute das neue Analyseinstrument für die frühzeitige Demenzprognose an.

Auf dem Befundbogen des Labors für Klinische Neurochemie und Neurochemische Demenzdiagnostik ist auf dem roten Feld die Ziffer 4 markiert. „Das bedeutet: Mit 100-prozentiger Wahrscheinlichkeit wird der Untersuchte innerhalb der nächsten acht Jahre eine Alzheimer-Demenz entwickeln“, erklärt Prof. Dr. Johannes Kornhuber, Direktor der Psychiatrischen und Psychotherapeutischen Klinik. Zusammen mit Prof. Dr. Piotr Lewczuk hat er den Erlangen Score entwickelt.

Im Labor für Klinische Neurochemie untersuchen Prof. Dr. Johannes Kornhuber (l.) und Prof. Dr. Piotr Lewczuk Liquorproben auf spezifische Biomarker, die eine frühzeitige Demenzdiagnose ermöglichen. Foto: Michael Rabenstein/Uni-Klinikum Erlangen

Praktikables Instrument

Mit einem fünfstufigen Raster prognostiziert der Erlangen Score anhand des Nachweises zweier Biomarker im Nervenwasser zutreffend die Wahrscheinlichkeit einer Alzheimer-Demenz – und das bis zu zwanzig Jahre, bevor bei dem betroffenen Patienten überhaupt klinische Symptome festzustellen sind. Dazu interpretiert das Raster das verstärkte oder reduzierte Auftreten zweier Proteine im Liquor. Zum einen bezieht der Erlangen Score die erhöhten Werte des sogenannten Tau-Proteins ein, weil sich dieses bei einer Alzheimer-Erkrankung verstärkt in den Gehirnzellen nachweisen lässt. Zum zweiten auf eine reduzierte Konzentration des Amyloid-Beta-Peptids, das sich bei einem beginnenden Alzheimer-Prozess außerhalb der Zellen ablagert.

Das Besondere am Erlangen Score ist zu einem die Kombination der beiden Proteinmarker, die nicht nur ein breites Diagnosespektrum von ganz normal (Ziffer 0) bis ganz pathologisch (Ziffer 4) ermöglicht, sondern auch den grenzwertigen Bereich mit den Ziffern 1 bis 3 abbildet. „Wir erleben häufig, dass ein Proteinmarker völlig unauffällig erscheint, während sich der andere bereits pathologisch verändert“, berichtet Prof. Kornhuber. „Der Erlangen Score ermöglicht uns bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt die Risikoeinschätzung für eine mögliche Alzheimer-Demenz. Damit können wir Patienten, die bis dato lediglich leichte kognitive Beeinträchtigungen ohne spezifische Ursache an sich feststellen, frühzeitig fachlich beraten“, argumentiert der Psychiater.

4 – Die Ziffer 4 im roten Feld des Erlangen Scores bezeichnet die 100-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass der betroffene Patient in den nächsten acht Jahren an Alzheimer-Demenz erkrankt.

Einen weiteren Vorteil des Erlangen Scores sieht Prof. Kornhuber darin, dass durch diese frühzeitige Risikoeinschätzung auch die Selbstwahrnehmung des Patienten mehr Relevanz erhält. „Subjektiv wahrgenommene kognitive Störungen können wir klinisch oft gar nicht belegen. Durch den Erlangen Score lassen sich diese Beeinträchtigungen aber nachweisen.“ Auch Prof. Lewczuk bewertet die Liquoruntersuchung deshalb als derzeit bestes Vorgehen für eine frühe Demenzdiagnose. „Mit einer Lumbalpunktion, bei der wir im Bereich der Lendenwirbelsäule Nervenwasser entnehmen und die den Patienten kaum belastet, können wir sehr viel herausfinden.“

Die Ziffer 3 auf dem Erlangen Score prognostiziert ein erhöhtes Risiko für eine Alzheimer-Demenz innerhalb der nächsten acht Jahre. Beide Proteinwerte liegen im pathologischen Bereich, obwohl der Patient noch keine Symptome aufweist. Foto: Michael Rabenstein/Uni-Klinikum Erlangen

Internationale Harmonisierung

Internationale Aufmerksamkeit erhält der Erlangen Score der beiden Wissenschaftler vor allem deshalb, weil er – unabhängig von nationalen Grenzwerten und von den analytischen Methoden des jeweiligen Labors – identische Diagnoseergebnisse liefert. Prof. Lewczuk: „Wir haben mit dem Erlangen Score ein übergeordnetes Raster geschaffen, das die spezifischen Grenzwerte eines amerikanischen oder europäischen Labors aufgreifen und als gemeinsame Normwerte interpretieren kann.“ Der Wissenschaftler leitete bereits mehrere internationale Konsortien zur Demenzforschung, bei denen er den Erlangen Score erfolgreich präsentierte. „In Amerika werden präanalytische Prozesse hinsichtlich eines Risikos für die Alzheimer-Demenz nach völlig anderen Methoden validiert als bei uns. Trotzdem kommen die US-Kollegen unter Verwendung des Erlangen Scores zu den gleichen Ergebnissen wie wir.“

Das Labor für Klinische Neurochemie und Neurochemische Demenzdiagnostik unter der Leitung von Prof. Lewczuk und Prof. Kornhuber gilt bundesweit als führendes Zentrum für die neurochemische Demenzdiagnostik und analysiert als Speziallabor für Liquoruntersuchungen auch nationale und internationale Proben. „Durch die hohe Wahrscheinlichkeitsrate von 85 Prozent für unsere frühzeitige Alzheimerprognose können wir Patienten, die kognitive Auffälligkeiten an sich wahrnehmen, mit einer günstigen Prognose beruhigen“, betonen die beiden renommierten Demenzforscher. „Ergibt der Erlangen Score einen ungünstigen Risikobefund, können wir sehr früh umfassend beraten, wie der Verlauf der Erkrankung durch eine veränderte Lebensweise günstig zu beeinflussen ist.“ Hilfreich sind dabei laut Prof. Kornhuber eine Ernährung mit mediterraner Kost, viel Bewegung an der frischen Luft sowie ein sinnerfülltes Leben. „Hinzu kommt, dass die betroffenen Menschen sich ihre Lebensumstände entsprechend gestalten können, solange sie dazu noch in der Lage sind. Zum Beispiel durch ein soziales Netzwerk oder bestimmte Wohnformen. Die frühzeitige Diagnose anhand unseres Erlangen Scores ermöglich ihnen eine vorausschauende Weichenstellung.“

Quelle: Jahresbericht 2018/19 des Uni-Klinikums Erlangen, Kerstin Bönisch