Intensivpflege: Worte, die begleiten

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Heilsame Kraft der Worte

Das Pflegeteam der Neurointensivstation hat mit der Pilotstudie „Vertraute Stimmen“ und mit seinem Intensivtagebuch gleich zwei neue Projekte erfolgreich auf den Weg gebracht. Beide dienen nicht nur den Patienten, sondern auch ihren Angehörigen als hilfreiche Unterstützung beim Bewältigen dieser schweren Zeit.

Für das regelmäßige Abspielen der Angehörigenstimmen bei Komapatienten während des Weanings verwendet das Pflegeteam der Neurointensivstation der Neurologischen Klinik (Direktor: Prof. Dr. Dr. Stefan Schwab) und der Neurochirurgischen Klinik (Direktor: Prof. Dr. Michael Buchfelder) besonders weiche Kopfhörer. Foto: Michael Rabenstein/Uni-Klinikum Erlangen

„Hallo, mein geliebter Mann, ich bin es, deine Anja. Atme tief ein und aus. Du hattest einen Herzinfarkt. Atme ruhig weiter. Jetzt bist du im Uni-Klinikum Erlangen. Atme tief ein und aus …“ – Die Stimme der 42-jährigen Ehefrau des Komapatienten auf der Neurointensivstation ist hörbar bewegt, doch sie spricht ruhig und gefasst in das Aufnahmegerät. Noch heute Abend werden ihre liebevollen Worte über Kopfhörer ihrem Mann dabei helfen, schrittweise zu seiner selbstständigen Atmung zurückzufinden. Die Idee, Komapatienten beim allmählichen Entwöhnen von der Beatmungsmaschine, dem sogenannten Weaning, durch die Stimmen ihrer Angehörigen begleiten zu lassen, kam Lisa Dietmar und Jana Ruppel während eines Nachtdienstes. Unter der Betreuung von Fachkrankenpfleger Tobias Heckelsmüller konzipierten die beiden angehenden Fachkrankenpflegerinnen für Intensivpflege und Anästhesie die fünfmonatige Pilotstudie „Vertraute Stimmen“ als Abschluss ihrer Fachweiterbildung für Intensivpflege. „Wir wollten herausfinden, ob wir durch die aufgenommenen Angehörigenstimmen die Zeit der Beatmungsentwöhnung verkürzen können“, erklärt Lisa Dietmar den Ansatz ihres innovativen Projekts.

Deutlich kürzeres Weaning

Für ihre Facharbeit erhielten Lisa Dietmar und Jana Ruppel nicht nur sehr gute Abschlussnoten, sondern auch mehrere Auszeichnungen, wie den renommierten Pflegepreis der Deutschen Gesellschaft für NeuroIntensiv- und Notfallmedizin und den Erlanger Medizinpreis, berichtet Tobias Heckelsmüller stolz. Ihre Ergebnisse belegen eindrucksvoll, wie positiv die vertrauten Stimmen der Angehörigen das Weaning bei Intensivpatienten beeinflussen können: „Bei allen 20 Studienteilnehmern konnten wir die Dauer der Beatmungsentwöhnung maßgeblich verkürzen. Sie benötigten durchschnittlich nur 76 Stunden, um eine 50-prozentige Spontanatmung aus eigener Kraft zu erreichen. Die Kontrollgruppe ohne auditive Stimulanz durch die Angehörigen benötigte dafür im Schnitt 126 Stunden.“

Stationsleiter Markus Prinz sorgte für die passenden Rahmenbedingungen der Studie: „Wir haben einen Antrag bei der Ethikkommission gestellt und gewährleistet, dass das Projekt für die Patienten keinerlei Gefahren birgt. So verhindern beispielsweise besonders weiche Kopfhörer das Entstehen von Druckstellen am Kopf.“

Zwei Wege aus der Hilflosigkeit

Mehrere Auszeichnungen erhielten Lisa Dietmar und Tobias Heckelsmüller für ihr Pilotprojekt „Vertraute Stimmen“. Im Februar 2019 startete Prof. Dr. Dr. Stefan Schwab, Direktor der Neurologischen Klinik, auf der Basis ihrer Ergebnisse eine umfangreiche Forschungsstudie über die positive Wirkung von Angehörigenstimmen während des Weanings. Foto: Michael Rabenstein/Uni-Klinikum Erlangen

„Die Angehörigen der Intensivpatienten reagieren durchweg positiv auf das neue Angebot“, erzählt Lisa Dietmar. „Sie haben dadurch das gute Gefühl, ihre Liebsten in dieser Situation völliger Hilflosigkeit aktiv unterstützen zu können. Gerade auf der Neurointensivstation erleben wir ja überwiegend akute Fälle, die die Menschen völlig unangekündigt mitten aus ihrem Leben reißen.“

Ein probates Instrument gegen die Hilflosigkeit der Angehörigen ist auch das Intensivtagebuch, das Markus Prinz gemeinsam mit Lisa Dietmar und Tobias Heckelsmüller im August 2018 auf seiner Station eingeführt hat. „Die Idee dazu erhielten wir durch einen Vortrag des Pflegeforschers Peter Nydahl vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, der in Deutschland als Wegbereiter des Intensivtagebuchs gilt. In diesem wird für Komapatienten alles dokumentiert, was sie während ihrer Bewusstlosigkeit nicht wahrnehmen können – und zwar gleichermaßen durch Pflegekräfte und die Angehörigen.“

„Ein solches Tagebuch ist die intensivste Form der Pflege, weil seine positive Wirkung bis zu drei Jahre lang anhält.“
Markus Prinz, Stationsleiter der Neurointensivstation

Intensivste Form der Pflege

Neben den persönlichen Einträgen für den Patienten stellt das Erlanger Intensivtagebuch Details der Neurointensivstation dar, die ein Patient während seiner Komaphase unbewusst wahrgenommen haben könnte, darunter auch visuelle Eindrücke. „Es ist ein Tagebuch für den Patienten und seine Familie, aber keine Dokumentation des Klinikaufenthalts. Deshalb war uns sehr wichtig, darin auch Fotos einzubinden, obwohl dieser Ansatz mit erheblichem rechtlichen Aufwand verbunden war“, betont Markus Prinz. „Viele Studien belegen, dass ein solches Tagebuch die intensivste Form der Pflege ist, weil seine positive Wirkung bis zu drei Jahre lang anhält. Damit kann es nicht nur die Patienten, sondern auch die Angehörigen vor posttraumatischen Belastungsstörungen schützen.“ Der Stationsleiter fügt hinzu: „Mehr als 90 Prozent aller Angehörigen nutzen unser Intensivtagebuch, weil sie damit für den geliebten Menschen aktiv werden und ihm die eigenen Gedanken und Gefühle mitteilen können.“

Worte gegen die verlorene Zeit

„Liebe Frau Müller, heute haben Sie zum ersten Mal ganz leicht meine Hand gedrückt.“ – Jeden Tag schreibt das Pflegeteam einen Eintrag für das Intensivtagebuch, das es gemeinsam mit den Angehörigen für den Patienten führt. Foto: Michael Rabenstein/Uni-Klinikum Erlangen

Über ein Plakat im Wartezimmer der Neurointensivstation und in persönlichen Gesprächen informiert das Pflegeteam über das Tagebuch. Lisa Dietmar: „Damit die Zeit im Koma innerlich nachvollzogen werden kann, sollen darin möglichst viele alltägliche Erlebnisse der vergangenen Wochen dargestellt werden, zum Beispiel bei einem Fußballfan auch ein Pokalerfolg der Lieblingsmannschaft.“ Wenn der schlimmste Fall eintritt und ein Patient auf der Intensivstation verstirbt, dient das Tagebuch zudem als wertvolle Erinnerung. Markus Prinz: „Es dokumentiert für seine Familie das Zusammensein in den letzten Tagen seines Lebens und ist damit auch Zeugnis der inneren Verbundenheit.“ Sobald ein Patient die Intensivstation verlässt oder verlegt wird, erhalten er oder seine Angehörigen die Aufzeichnungen.

90 %  – Mehr als 90 Prozent aller Angehörigen nutzen das Angebot des Intensivtagebuchs auf der Neurointensivstation des Uni-Klinikums Erlangen.

Wie sie und der Patient damit umgehen und wann oder ob das Tagebuch überhaupt gelesen wird, bleibt jedem selbst überlassen. Studien belegen laut Stationsleiter Markus Prinz außerdem, dass das gemeinsame Führen eines Intensivtagebuches auch die Sicht der Angehörigen auf das Klinikpersonal positiv beeinflusst. „Es stärkt ihr Vertrauen in die Pflegekräfte, weil diese durch ihre Einträge eine persönliche Stimme erhalten.“

Formulierungshilfen und Feedback

Gemeinsam mit Stationsleiter Markus Prinz (r.) entwickelten Tobias Heckelsmüller und Lisa Dietmar innerhalb weniger Monate das Erlanger Intensivtagebuch, das in enger Koordination mit Pflegeforscher Peter Nydahl entstand. Foto: Michael Rabenstein/Uni-Klinikum Erlangen

Das Erlanger Intensivtagebuch ist in Folie eingebunden und kann somit regelmäßig gereinigt und desinfiziert werden. Damit die Einträge der betreuenden Pflegekräfte aussagekräftig sind, erhalten sie von Markus Prinz und Lisa Dietmar viel Unterstützung. „Wir haben als Anregung im hauseigenen Intranet Mustereinträge und Formulierungshilfen eingestellt“, erklärt Lisa Dietmar. „Dort können sich unsere Kollegen bei schwierigen Verläufen Anregungen holen, wenn die Diagnose stagniert oder wenn ein Patient stirbt.“ Die größte Motivation erhalten die Pflegekräfte laut Markus Prinz durch das positive Feedback der Patienten und ihrer Angehörigen. So geschehen bei dem Besuch einer ehemaligen Patientin, die im Alter von 18 Jahren nach einem Sturz aus dem Fenster fast zwei Monate lang auf der Neurointensivstation lag. „Für das Mädchen haben wir zusammen mit ihren Eltern fast vier Tagebücher vollgeschrieben, weil sie wochenlang im Koma lag“, erinnert sich Markus Prinz. „Ich habe bei ihrer Verlegung den letzten Eintrag in das Tagebuch geschrieben und darin formuliert, dass wir uns über einen nachträglichen Besuch freuen würden,“ ergänzt Lisa Dietmar. Die junge Frau kam tatsächlich noch einmal vorbei und erzählte, wie sehr sie sich über die Tagebucheinträge gefreut hat und welche Gefühle diese in ihr ausgelöst haben. Diese Begegnung berührt Lisa Dietmar noch immer: „Uns tut es gut, zu sehen, wie die Menschen, die wir nur in einer dramatischen Akutphase kennenlernen, wieder zurück in ihr Leben finden.“

Quelle: Jahresbericht 2018/19 des Uni-Klinikums Erlangen, Kerstin Bönisch

 
Film zum Erlanger Intensivtagebuch

www.uker.de/intensivtagebuch