Parkinson

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Langsam, aber sicher

Er schleicht sich an, schreitet unaufhaltsam fort und schränkt das Leben schließlich spürbar ein: der Parkinson. Stoppen lässt er sich nicht, aber verzögern.

Ganganalyse im Gange: Parkinson-Patient Klaus Westermayer läuft unter genauer Beobachtung von PD Dr. Jochen Klucken auf und ab – mal auf Zeit, mal mit Zwischenstopps, mal in Kombination mit einfachen Tests. Der Sensor im Schuh überträgt die Daten direkt auf den Computer und liefert den Wissenschaftlern wichtige Informationen über die Gangveränderungen beim Morbus Parkinson. Foto: Uni-Klinikum Erlangen

Er wurde langsamer in seinen Bewegungen. "Das Alter", sagte er selbst. "Da stimmt was nicht", meinte seine Frau. Deshalb schickte sie ihren 74-jährigen Ruheständler zum Arzt. "Ich hatte nichts bemerkt, aber sie behielt recht", erinnert sich Klaus Westermayer heute, rund ein Jahr nach der Parkinson-Diagnose. Kein leichter Befund für einen Menschen, in dessen Leben der Sport über viele Jahre das Titelthema war: Der Journalist leitete lange Zeit das Sport-Ressort einer Tageszeitung. Nun bestimmte der Parkinson, eine neurodegenerative Erkrankung, die von bewegungseinschränkenden Symptomen gekennzeichnet ist, sein Leben.

Umgangssprachlich wird der Morbus Parkinson auch als Schüttel- oder Zitterlähmung bezeichnet, nach den Kardinalsymptomen der Krankheit, die sogar für den Laien gut erkennbar sind: Bradykinese (Verlangsamung der Bewegungsabläufe) und Rigor (Muskelstarre) einerseits, Tremor (Muskelzittern) und Haltungsinstabilität andererseits. "Das Parkinson-Syndrom ist die häufigste neurodegenerative Bewegungserkrankung weltweit. In der Altersgruppe der über 65-Jährigen sind statistisch gesehen 1,8 von 1.000 Menschen betroffen", erläutert Prof. Dr. Jürgen Winkler, Leiter der Molekular-Neurologischen Abteilung des Uni-Klinikums Erlangen. Angesichts der demografischen Entwicklung und der wachsenden Lebenserwartung wird die Zahl der Patienten in den kommenden Jahren allerdings weiter steigen. "Unser erklärtes Ziel ist es schon heute, individuell angepasste und langfristig angelegte Therapiepläne aufzustellen. Wir streben ein Maximum an Mobilität und Lebensqualität bei einem Minimum an krankheits- und therapiebedingten Komplikationen an." Denn kein Parkinson ist wie der andere und die Erkrankung ist bis heute unheilbar.

Kein Rückwärtsgang

In der Medizin wird zwischen vier unterschiedlichen Formen des Parkinson-Syndroms unterschieden: dem idiopathischen Parkinson-Syndrom ohne genetische Ursache, der vererbbaren Form, den symptomatischen, also sekundären Varianten mit beispielsweise medikamentösen oder vaskulären Auslösern und dem atypischen Parkinson-Syndrom, das von zusätzlichen Ausfällen begleitet wird. In 75 bis 85 Prozent aller Fälle liegt ein idiopathisches Parkinson-Syndrom vor – eines, das sich unerwartet anschleicht und dann nicht mehr aufzuhalten ist. "Deshalb ist eine frühe Diagnose besonders wichtig", betont Prof. Winkler. "Betroffene, bei denen die Krankheit rechtzeitig erkannt wird, haben dank unserer heutigen Therapieoptionen eine vergleichbar hohe Lebenserwartung wie gesunde Gleichaltrige. Je weiter der Parkinson allerdings fortschreitet, desto schwerer wiegen die Bewegungsbeeinträchtigungen und schränken die Behandlungsmöglichkeiten immer weiter ein." Denn Parkinson kennt keinen Rückwärtsgang: Beim idiopathischen Parkinson-Syndrom sterben Nervenzellen ab, die Dopamin produzieren. Dies geschieht über viele Jahre und bleibt zunächst unbemerkt. Erst, wenn deutlich über die Hälfte dieser Neurone ihre Funktion eingebüßt haben, ist der Dopaminmangel so groß, dass der Betroffene oder sein Umfeld erste Symptome wahrnehmen. "Diese Anzeichen sind allerdings alles andere als eindeutig", weiß Dr. Zacharias Kohl, Arzt der Molekularen Neurologie des Uni-Klinikums Erlangen, "meist fühlen sich die Patienten schwach und klagen über Gleichgewichtsstörungen." Um einen Morbus Parkinson sicher zu diagnostizieren, führen die Ärzte eine detaillierte Anamnese sowie eine eingehende klinische Untersuchung durch.

"In Zweifelsfällen hilft uns beispielsweise die Bildgebung", erklärt Dr. Kohl. "Damit ist es uns möglich, andere Ursachen auszuschließen. Wir können zwar nicht die verlorenen Nervenzellen ersetzen, aber den verbliebenen Zellen helfen, besser zu funktionieren."

Parkinson lässt sich gut medikamentös behandeln. "Aber nicht jeder Patient erhält die gleichen Tabletten in der gleichen Dosis – so einfach ist es nicht und so einfach machen wir es uns auch nicht", sagt Prof. Winkler. "Jede Therapie ist eine individuelle Entscheidung. Abhängig vom Alter, von den Vorerkrankungen und den Lebensumständen des Betroffenen." Da die Ärzte des Uni-Klinikums Erlangen ihre Parkinson-Patienten über Jahre betreuen und begleiten, können die Wirkstoffe und ihre jeweilige Dosis immer wieder angepasst werden.

In die Tiefe

In 15 bis 20 Prozent der Fälle gibt es am hiesigen Uni-Klinikum eine zusätzliche Behandlungsoption: die Tiefe Hirnstimulation (THS). "Eine interdisziplinäre Methode, die nur im Team gelingt , sagt Jürgen Winkler. "Hier arbeiten wir Neurologen eng mit den Neurochirurgen und Neuroradiologen zusammen.  Das Verfahren wurde in den vergangenen zwei Jahren von Prof. Dr. Guido Nikkhah, Oberarzt der Neurochirurgischen Klinik, in Erlangen etabliert. Im Rahmen einer mehrstündigen Operation implantieren die Mediziner zwei hauchfeine Elektroden in ein kleines Zielareal im Gehirn des Betroffenen. Damit die Platzierung möglichst exakt gelingt, ist dieser währenddessen bei Bewusstsein und absolviert einfache Tests. Außerdem setzen die Ärzte einen streichholzschachtelgroßen Neurostimulator in die Brust ein. "Über dieses kleine Gerät können später die Neurologen und gegebenenfalls auch der Patient selbst die Intensität der kleinen Stromimpulse regulieren, die ins Gehirn fließen , erklärt Prof. Nikkhah. "Dadurch werden die von uns angepeilten Nervenzellen stimuliert, die Bewegungseinschränkungen nehmen ab und die Lebensqualität zu.

Berthold Roßner hat diese Chance genutzt: Der Oberfranke lebte bereits seit zwölf Jahren mit der Erkrankung, als seine Ärzte ihm mitteilten, dass die Möglichkeiten der medikamentösen Therapie nun ausgeschöpft wären – doch sie eröffneten ihm gleichzeitig eine ganz neue Perspektive: Er sei der ideale Patient für eine THS. Um für diesen Eingriff infrage zu kommen, dürfen u. a. die Bewegungseinschränkungen noch nicht zu stark ausgeprägt und der Betroffene nicht dement sein. Außerdem ist wichtig, dass er realistische Erwartungen sowie ein gutes soziales Umfeld aufweist. "Und er muss Zeit mitbringen", betont Guido Nikkhah. "Die OP funktioniert nicht auf Knopfdruck. In der Regel dauert es drei bis sechs Monate, bis das Gerät passend eingestellt und der Patient damit vertraut ist." Das Ehepaar Roßner hat sich bewusst darauf eingelassen – mit Erfolg: "Aktuell geht es ihm fast so gut wie vor dem Ausbruch der Krankheit", freut sich die Ehefrau. Ihr Mann habe wieder Appetit, könne durchschlafen und auch wieder Auto fahren. Berthold Roßner war der zweite Patient, der in Erlangen eine THS erhielt. Ob er lange überlegt habe? "Nein, denn ich hatte Vertrauen zu den Ärzten", sagt er. "So eine Chance nicht nutzen, das wäre wie ein Sechser im Lotto und man holt das Geld nicht ab."

Sensor im Schuh

Knackpunkt der Parkinson-Behandlung ist nach wie vor die frühe Diagnose. In Erlangen wird intensiv daran gearbeitet, den Parkinson, der sich auf leisen Sohlen anschleicht, zeitiger zu hören – oder vielmehr zu sehen. "Der Gang der Betroffenen verändert sich", weiß PD Dr. Jochen Klucken, stellvertretender Leiter der Molekularen Neurologie des Uni-Klinikums Erlangen. "Gehen geschieht intuitiv. Auch wenn der Patient selbst noch gar nichts von seiner Erkrankung bemerkt, kann eine Ganganalyse bereits Hinweise darauf geben." Was das menschliche Auge noch nicht sieht, macht hier also die Technik sichtbar: Und dafür arbeiten die Ärzte der Molekularen Neurologie seit 2012 im Forschungsprojekt "eGAIT – embedded Gait Analysis using Intelligent Technology" eng mit dem Lehrstuhl für Informatik 5 (Mustererkennung) der FAU Erlangen-Nürnberg und der ASTRUM IT GmbH zusammen. Das Unternehmen stellt den Wissenschaftlern die nötige Technologie zur Verfügung: einen kleinen Sensor, der am Sportschuh angebracht wird. Während Patienten mit Bewegungserkrankungen und gesunde Kontrollpersonen damit Tests absolvieren, überträgt der Sensor die Daten zur Beschleunigung, zum Drehwinkel etc. auf den Computer. Die exakte Auswertung der Messergebnisse übernehmen die Informatiker. Gemeinsames Ziel ist die Aufstellung von objektiven Parametern: "Mit der Zeit konnten wir bei unseren Parkinson-Patienten vom Gangmuster aufs Krankheitsstadium schließen. Das hilft uns Ärzten bei der individuellen Therapie", berichtet Jochen Klucken. "Als nächstes wollen wir den Sensor fest in den Schuh integrieren und Langzeitmessungen durchführen."

Die sensorbasierte Bewegungsanalyse ist auch Teil eines weiteren Forschungsprojekts: Im Rahmen von "EFIMoves" der Emerging Fields Initiative der FAU führt die Molekulare Neurologie mit dem Institut für Sportwissenschaft und Sport eine Interventionsstudie durch. Ziel ist die Entwicklung und Validierung von modernen und multimodalen medizintechnischen Diagnoseverfahren für Bewegungsstörungen. Dafür kommen die Probanden, wie Heidemarie Pfeiffer, zwei Monate lang zweimal die Woche zum Laufband-Training. Beim Abschlusstermin zieht die Parkinson-Patientin für sich persönlich ein positives Fazit: "Anfangs fühlte ich mich wackelig, klammerte mich an den Barren fest", erinnert sie sich. "Heute, acht Wochen später, gehe ich sicherer und schneller. Ich freue mich, dass ich mitgemacht habe."

Zurück an den Anfang

Während im Rahmen der klinischen Forschung Patienten von den Untersuchungen schon profitieren, scheinen die Kollegen in den Labors bei der Grundlagenforschung eher rückwärts zu gehen: "Wir entnehmen Parkinson-Patienten ausgereifte Körperzellen aus der Haut und reprogrammieren sie zu sogenannten induzierten pluripotenten Stammzellen", erläutert Prof. Dr. Beate Winner, Nachwuchsgruppenleiterin im Interdisziplinären Zentrum für Klinische Forschung. Damit reisen die Wissenschaftler quasi in die Vergangenheit, denn naturgemäß sind Stammzellen der Ursprung, aus dem sich die unterschiedlichen Körperzellen entwickeln. Was nach einem Rückschritt klingt, ist tatsächlich ein Fortschritt: "Dieses Verfahren zählt zu den innovativsten biomedizinischen Entwicklungen der vergangenen Jahre", sagt Prof. Winner. "Dafür wurde 2012 der Medizinnobelpreis verliehen."

Die Erlanger Neurowissenschaftler arbeiten seit 2013 mit 13 anderen Gruppen bayerischer Universitäten im Forschungsverbund Induzierte Pluripotente Stammzellen (ForIPS) zusammen. Beate Winner und ihr Team entwickeln die aus Hautzellen gewonnenen Stammzellen in neuronale Zellen weiter. Diese sind exemplarisch dann ein individuelles Krankheitsmodell und dienen den Wissenschaftlern als Grundlage, um die molekularen und zellulären Mechanismen des vorliegenden Parkinson-Syndroms zu untersuchen. "Wir wollen verstehen, wo die Erkrankung ihren Ursprung hat", fasst ForIPS-Sprecher Jürgen Winkler das gemeinsame Ziel zusammen, "um dann im nächsten Schritt individuelle Therapien zu entwickeln."

Quelle: Jahresbericht 2014 des Uni-Klinikums Erlangen