Präpubertäre Fertilitätsprotektion

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Retter der Fruchtbarkeit

Jungen, die an Krebs oder bestimmten Immunerkrankungen leiden, können durch die Chemotherapie ihre Zeugungsfähigkeit verlieren. Ihre Fruchtbarkeit zu erhalten und ihnen später im Leben eine Vaterschaft zu ermöglichen, ist das Ziel des Projekts „Androprotect“. Das Uni-Klinikum Erlangen ist die einzige bayerische Einrichtung, die das experimentelle Verfahren anbietet.

Dunkelhaariger Junge steht vor seiner Mutter vor einer Türe, die in ein Patientenzimmer führt.
Martin Fischer und seine Mutter Christa können inzwischen wieder lachen, denn die seltene Immunerkrankung ist besiegt. Der heute 14-Jährige gehört zu den Älteren der kleinen Patienten, deren Hodengewebe tiefgekühlt einlagert. Eine solche Zellentnahme ist sogar schon bei Kleinkindern möglich. Foto: Alessa Sailer/Uni-Klinikum Erlangen

Martin Fischer war zwölf Jahre alt, als er die Diagnose einer Familiären Hämophagozytären Lymphohistiozytose Typ 5 erhielt, einer seltenen, lebensbedrohlichen Immunerkrankung. Für seine Mutter Christa ein Schock, denn Jahre zuvor war bereits einer ihrer anderen Söhne an Blutkrebs erkrankt. „Es fing damit an, dass Martin erkältet war. Er hatte Fieber, Leber und Milz waren vergrößert – ähnlich wie bei meinem anderen Sohn. Bei der Blutuntersuchung stellte sich dann heraus, dass Martin eine Knochenmarktransplantation brauchen würde“, erzählt Christa Fischer. Dr. Brigitte Schwaiger, Oberärztin der Urologischen und Kinderurologischen Klinik, sprach bereits kurz nach der Diagnosestellung mit Martins Mutter darüber, dass er später möglicherweise keine Kinder zeugen könnte. „Die Strahlen- oder die Chemotherapie greift nicht nur die bösartigen Zellen an, sondern auch diejenigen Stammzellen, die für die Spermienproduktion zuständig sind“, erklärt Dr. Schwaiger.

 

Blatt Papier mit kindgerechten Bildern und Text
Die erkrankten Jungen bekommen mit kindgerechter Sprache und Bildern vermittelt, wie und warum ihnen Hodengewebe entnommen werden soll. Foto: Alessa Sailer/Uni-Klinikum Erlangen

Anders als bei erwachsenen Männern können Jungen vor der Pubertät keine Spermien entnommen und eingelagert werden, um den späteren Kinderwunsch mithilfe von künstlicher Befruchtung zu erfüllen. Vor der Geschlechtsreife sind Jungen noch nicht dazu in der Lage, Samenzellen zu bilden. Allerdings ist es experimentell möglich, ihnen Hodengewebe zu entnehmen und dieses durch Einfrieren – die sogenannte Kryokonservierung – aufzubewahren. Die Zellen nehmen im flüssigen Stickstoff auch bei Temperaturen von bis zu –196 Grad Celsius keinen Schaden. Das Forschungsprojekt des Netzwerks Androprotect beschäftigt sich damit, die Zellen im Labor zu „aktivieren“, sodass diese Spermien produzieren. Das Projekt wurde 2012 vom Centrum für Reproduktionsmedizin und Andrologie (CeRA) des Universitätsklinikums Münster initiiert, beteiligt sind drei weitere deutsche Kliniken. Die bayernweit einzige Abteilung mit der Berechtigung zur Stammzellentnahme ist das Uni-Klinikum Erlangen. „Bisher gibt es noch keine Möglichkeit für Jungen vor der Pubertät, ihre Fruchtbarkeit für später zu konservieren. Wir setzen daher alles daran, dass eine Familienplanung für sie zukünftig möglich ist. In Versuchen hat sich der experimentelle Ansatz bereits als erfolgreich gezeigt; dennoch weisen wir die Eltern ausdrücklich darauf hin, dass das Verfahren beim Menschen momentan rein experimentell ist“, so Dr. Schwaiger.

 

30 Euro pro Monat kostet die Aufbewahrung der Zellen über das 18. Lebensjahr hinaus. Davor wird die Lagerung mit Forschungsgeldern finanziert.

 

Schnelle Entscheidung nötig

Eine Ärztin erklärt einem Jungen und seiner Mutter die Behandlung anhand eines Dokuments.
Dr. Brigitte Schwaiger spricht nicht nur mit den Eltern, sondern auch mit den jungen Patienten selbst über den Eingriff: „Die Kinder sollen verstehen, warum es ihnen auch ‚da unten‘ wehtun kann, obwohl sie einen Katheter für die Chemo eingesetzt bekommen haben.“ Foto: Alessa Sailer/Uni-Klinikum Erlangen

Wird bei einem präpubertären Jungen Krebs diagnostiziert, kümmern sich die Onkologen der Kinder- und Jugendklinik um den Therapieplan. Dabei sprechen sie auch das Thema Fruchtbarkeit an und informieren Brigitte Schwaiger, falls die Eltern weitere Informationen wünschen. Die Urologin bespricht mit den Eltern des Betroffenen dann in Ruhe, welche Möglichkeiten das Forschungsnetzwerk Androprotect bietet: „Die Eltern entscheiden, ob sie daran interessiert sind, präpubertäres Hodengewebe ihres Sohnes einzufrieren oder nicht. Wir legen ihnen Forschungsberichte vor und erklären, wie wir die Gewebeentnahme durchführen. Aber auch den Jungen selbst erklären wir mit kindgerechten Zeichnungen, was es heißt, eine Familie zu gründen“, erläutert die Erlanger Projektverantwortliche. Doch gerade die Entscheidung für oder gegen die Entnahme fällt vielen Eltern angesichts der sowieso schon angespannten Situation schwer; sie müssen nicht nur die Diagnose ihres Kindes verarbeiten, sondern auch noch innerhalb weniger Tage über die Bewahrung der Fruchtbarkeit ihres Sohnes entscheiden. Schnell gehen muss es vor allem deshalb, damit die Therapie so rasch wie möglich begonnen werden kann. „Zwei Familien haben bisher die Möglichkeit der Kryokonservierung abgelehnt. Für sie waren es einfach zu viele Informationen, mit denen sie plötzlich konfrontiert wurden“, berichtet Dr. Schwaiger.

 

3 Gewebeproben entnehmen die Ärzte den kleinen Patienten: eine zur Untersuchung, eine zur Konservierung und eine weitere zum Aufbau einer Forschungsdatenbank.

 

Christa Fischer hingegen entschied sich für die Gewebeentnahme: „Ich will nicht schuld daran sein, falls mein Sohn später keine eigene Familie haben kann. Für mich war klar: Wir müssen das machen, damit wir sagen können, wir haben alles versucht. Ich habe auch Martin gefragt, ob er später vielleicht Kinder haben möchte. Im Endeffekt musste ich über sein späteres Erwachsenenleben entscheiden.“

 

Für mich war klar: Wir müssen das machen, damit wir sagen können, wir haben alles versucht. – Christa Fischer, Mutter von Martin

 

Organisatorisches Kunststück

Eine Reihe an Röhrchen wird in einen Tank zur Kryokonservierung gegeben.
Das „Mutterhaus“ des Netzwerks Androprotect ist das Uni-Klinikum Münster; derzeit sind in der dortigen Kryobank etwa 100 Zellproben mit Hodengewebe vorpubertärer Jungen eingelagert. Foto: Michael Rabenstein/Uni-Klinikum Erlangen

Sobald die Eltern eine Entscheidung gefällt haben, muss Dr. Schwaiger alle Hebel in Bewegung setzen, damit die Gewebeentnahme zeitnah stattfinden kann: Die Mitarbeiter des Uni-Klinikums Münster, wo die gefrorenen Proben aufbewahrt werden, bereiten eine entsprechende Kühlbox vor und schicken sie mit einem Transportunternehmen nach Erlangen. Parallel dazu muss ein passender OP-Termin in der Kinderklinik festgelegt werden. Damit keine unnötigen Risiken für den kleinen Patienten entstehen, wird das Gewebe immer im Rahmen eines ohnehin anstehenden operativen Eingriffs entnommen. Im Fall von Martin wurde ein zentraler Venenkatheter als Vorbereitung für die Chemotherapie gelegt; in selbiger Sitzung entnahmen die Urologen drei reiskorngroße Hodengewebsstücke. Der 14-Jährige erinnert sich: „Nervös war ich vor der OP schon, aber Angst hatte ich nicht.“ Nach der Entnahme macht das Forschungslabor in der Kinderklinik die Röhrchen fertig und schickt diese in der speziellen Transportbox nach Münster zurück, wo die Kollegen diese eigenhändig in Empfang nehmen, das Gewebe einarbeiten und die Zellen in der Kryobank einlagern.

 

3 Jungen wurde bisher im Rahmen von Androprotect Hodengewebe am Uni-Klinikum Erlangen entnommen.

 

Eine dunkelhaarige Ärztin mit Brille, lächelnd.
Die Urologin Dr. Brigitte Schwaiger ist die Erlanger Projektverantwortliche für die Bewahrung der Fruchtbarkeit von Jungen, die eine Chemo- oder Radiotherapie benötigen. Foto: Alessa Sailer/Uni-Klinikum Erlangen

„Gehen die Forschungen mit menschlichen Zellen so gut weiter wie die bisherigen Versuche, ist es uns hoffentlich möglich, unsere ehemaligen Patienten mit reifen Stammzellen zu versorgen und ihren Kinderwunsch zu erfüllen“, sagt Dr. Schwaiger. „In einer Studie wurden Patienten im jungen Erwachsenenalter befragt, die bereits eine Chemotherapie hinter sich gebracht haben. Mehr als 90 Prozent von ihnen sagten, sie hätten sich einen solchen fruchtbarkeitserhaltenden Eingriff gewünscht, hätten sie die Möglichkeit dazu gehabt. Das bestätigt uns, dass Androprotect ein wichtiges Forschungsprojekt ist, das wir unterstützen wollen.“ Das Uni-Klinikum Erlangen darf das Verfahren seit Januar 2019 anbieten, seitdem wurde entsprechendes präpubertäres Hodengewebe von drei Jungen entnommen. Als Martins großer Bruder an Leukämie erkrankte, gab es das Projekt noch nicht; daher ist sich Christa Fischer umso sicherer, bei ihrem Jüngsten die richtige Entscheidung getroffen zu haben: „Ich wollte ihm alle Möglichkeiten anbieten.“ Martin weiß, dass es keine Garantie dafür gibt, dass das Forschungsprojekt es ihm später ermöglicht, eine eigene Familie zu gründen. Er zuckt mit den Schultern und sagt: „Probieren geht über Studieren.“

 

Quelle: Jahresbericht 2019 des Uni-Klinikums Erlangen, Alessa Sailer