DIVA-Verfahren

" alt="" />

Mit DIVA im OP

Diagnose Hirntumor – Heilung aussichtslos? Mit dem weltweit neuen Verfahren DIVA können Neurochirurgen noch präziser operieren, den Krebs vollständig entfernen und dadurch Leben verlängern.

In der Neurochirurgischen Klinik befindet sich einer der weltweit modernsten Operationssäle: Eine der Besonderheiten ist der fest installierte Magnetresonanztomograf (MRT; Bildmitte), mit dem bereits während des Eingriffs Aufnahmen gemacht und der OP-Erfolg kontrolliert werden kann. In der Regel besteht das Team wie hier (von links) aus einer operationstechnischen Assistentin, einem Chirurgen, einem chirurgischen Assistenten, einer medizinischtechnischen Radiologieassistentin und zwei Anästhesiefachkräften. Foto: Uni-Klinikum Erlangen

Mit äußerster Konzentration blickt PD Dr. Ilker Eyüpoglu durch die Linsen seines hochmodernen Operationsmikroskops. Vor den Augen des Neurochirurgen schimmert es in etlichen Blautönen: das Gehirn seines Patienten. Ilker Eyüpoglu ist auf der Suche. Er hält Ausschau nach einem verräterischen rotvioletten Leuchten. Denn mithilfe von Fluoreszenz zeigt ihm DIVA, wo sich zwischen den Abermillionen Nervenzellen noch Krebszellen verstecken. Der Oberarzt will sie möglichst alle finden und entfernen, denn jede Tumorzelle weniger bedeutet für seinen Patienten ein Mehr an Lebenszeit und Lebensqualität.

Eine Diva im Operationssaal? In der Neurochirurgischen Klinik (Direktor: Prof. Dr. Michael Buchfelder) des Uni-Klinikums Erlangen ist damit nicht etwa ein Arzt mit exzentrischen Allüren gemeint, sondern ein neuer Star unter den hochmodernen OP-Verfahren: Die vier Buchstaben stehen für "Dual Intraoperative Visualisation Approach", also ein Vorgehen, bei dem während der Operation gleich zwei bildgebende Verfahren zum Einsatz kommen. Und wie sieht DIVA aus? "In unserem OP-Saal, der entsprechend dem aktuellsten Stand der Technik ausgestattet ist und in dem sich zum einen der Magnetresonanztomograf befi ndet, fällt die andere Komponente, die DIVA zu DIVA macht, fast gar nicht auf - umso bedeutender ist ihre Wirkung", erläutert PD Dr. Nicolai Savaskan, Arzt und Leiter der experimentellen Neurochirurgie. "Wir benötigen nur eine Farbstoffflüssigkeit, die wir dem Patienten vor dem Eingriff verabreichen, und während der Operation eine Speziallampe."

Maximum an Therapie bei Minimum an Risiko

PD Dr. Ilker Eyüpoglu (r.) und PD Dr. Nicolai Savaskan zählen weltweit zu den DIVA-Pionieren und arbeiten kontinuierlich daran, das Verfahren noch weiterzuentwickeln. Foto: Uni-Klinikum Erlangen

Doch zurück an den Anfang und dort steht meist eine vernichtende Diagnose: Hirntumor. "Die meisten - sowohl die Patienten und ihre Angehörigen als auch viele Ärzte - denken, dass Heilung bei einem solchen Befund ausgeschlossen ist, und reagieren entsprechend verzweifelt", bedauert Ilker Eyüpoglu. "Auch wenn dem Erkrankten durch eine Operation sowie eine anschließende Radio- und/oder Chemotherapie zunächst geholfen werden kann, erscheint die Gesamtsituation aussichtslos, das Leben zu Ende. Dieser Gedanke muss raus aus den Köpfen: Patienten mit Hirntumoren haben die Chance auf ein langes Leben!" Entscheidend ist, dass der Betroffene zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist: zum Beispiel in der Neurochirurgischen Klinik in Erlangen. Die Mehrheit der Menschen mit einem Gliom, einem primären Hirntumor, wendet sich mit den ersten, häufig unspezifischen Symptomen an den Hausarzt und wird von diesem an einen Neurologen überwiesen, der den Krebs anhand von MRT-Aufnahmen diagnostiziert. Wie und wo es nun weitergeht, ist ausschlaggebend: Der Therapieerfolg hängt einerseits von der technischen Ausstattung der Einrichtung ab, in der der Patient behandelt wird, aber auch vom Wesen und der Herangehensweise des Chirurgen während des komplexen Eingriffs. "Studien belegen, dass eine radikale Operationsstrategie am erfolgreichsten ist", erläutert PD Eyüpoglu. "Er sollte versuchen, das Maximum an Tumor zu entfernen, bei einem Minimum an Schaden für den Menschen." Und das Risiko ist groß, denn wenn der Arzt nur einen Millimeter zu weit schneidet, kann dies zu schweren neurologischen Ausfällen beim Erkrankten führen. Liegt die Geschwulst beispielsweise in der Nähe des Sprach-, Seh- oder Hörzentrums, so besteht die Gefahr, dass der Betroffene eine oder mehrere dieser Fähigkeiten einbüßt. Die Krux liegt darin, bösartige Zellen von gesunden zu unterscheiden: Da die Grenzen zwischen dem Krebs und dem Nervengewebe äußerst schwierig zu erkennen sind, ist dies auch renommierten Neurochirurgen, die viel Erfahrung besitzen, mit dem bloßen Auge nicht möglich. "Aus Angst, den Patienten zu beeinträchtigen, belassen Ärzte häufig bewusst einen wesentlichen Anteil des Tumors im Gehirn", sagt PD Savaskan. "Für den Menschen bedeutet dies, dass sowohl das Ergebnis der Operation als auch das einer folgenden Radio- und/oder Chemotherapie deutlich schlechter ist, als es sein könnte."

Die individuell bestmögliche Behandlung ist das erklärte Ziel der Erlanger Neurochirurgen - deswegen arbeiten sie im Team mit zahlreichen Experten anderer Einrichtungen des Universitätsklinikums. Einmal wöchentlich treffen sich die Spezialisten zur gemeinsamen Tumorkonferenz und besprechen dort jeden vorliegenden Fall: ganz individuell und vollkommen neutral. Vorgestellt werden die Patienten von zuweisenden Ärzten oder über die Krebsinformation des Comprehensive Cancer Center Erlangen-EMN; einige melden sich auch selbst zur Sprechstunde an. "Eingehende Befunde sichten wir zeitnah", berichtet Nicolai Savaskan. "Wenn der Mensch persönlich vor Ort ist und untersucht werden kann, ist das natürlich noch besser." Welcher Betroffene schließlich zu DIVA in den OP-Saal gebracht wird, ist von vielen spezifischen Faktoren abhängig - nicht aber von der Tumorgröße! "Für uns ist beispielsweise wichtiger, dass sich der Patient noch keiner Hirnoperation unterzogen hat", betont Ilker Eyüpoglu, "denn postoperative Veränderungen erschweren den erneuten Eingriff."

Eine Kombination von Vorteilen

DIVA ist keine neue Erfindung, sondern die neue Idee, zwei bewährte Vorgehensweisen miteinander zu kombinieren. In Kliniken, in denen ein moderner OP-Saal mit einem fest installierten Magnetresonanztomografen zur Verfügung steht, wird häufig bildmorphologisch behandelt. Das heißt, die Ärzte machen schon während des Eingriffs Aufnahmen, auf deren Basis sie eine Zwischenbilanz ziehen und entscheiden können, wie die Operation weiter verlaufen soll: Wurde der Krebs bereits so weit wie möglich entfernt oder befindet sich noch Tumormasse vor Ort, die gefahrlos abgetragen werden kann? Dem Patienten bleibt so ggf. ein zweiter Eingriff erspart. Chirurgen anderer Krankenhäuser setzen auf die Biochemie: Dem Erkrankten werden vor der OP ca. 50 ml Farbstoffflüssigkeit verabreicht. Diese reichert sich aufgrund des erhöhten Stoffwechsels der Krebszellen in diesen an und wird in fluoreszierenden Farbstoff umgewandelt. Mithilfe einer Speziallampe kann sich der Arzt schließlich am Leuchten orientieren und das rotviolett schimmernde Tumorgewebe von gesundem Gehirn, das in Blautönen dargestellt wird, unterscheiden. "Wir haben hier in Erlangen beide Prozedere regelmäßig durchgeführt, kannten jeweils ihre Vor-, aber eben auch die Nachteile. Mit der Zeit fragten wir uns, was wohl passiert, wenn wir die zwei Methoden parallel anwenden", erinnert sich PD Eyüpoglu. "Mit großer Freude stellten wir fest, dass sich die Kombination zugunsten der Vorteile auswirkt. Wir konnten plötzlich mehr Tumormasse entfernen und gleichzeitig ein höheres Maß an Sicherheit für den Patienten gewährleisten." Die Idee klingt simpel - so simpel, dass sich die Frage stellt, wieso vorher kein anderer darauf gekommen ist. "Wir besaßen den Vorteil, dass wir beide Verfahren schon mehrfach selbst ausgeübt hatten", betont Ilker Eyüpoglu. "Ältere Kollegen, die - wenn auch teils über viele Jahre und mit großem Können - nur mit einem der zwei Prozedere arbeiteten, verfügten schlichtweg nicht über die Möglichkeit, das Potenzial zu erkennen. Ein Vogel im Käfig kennt die Freiheit nicht." Die Erlanger Neurochirurgen sammeln nun Erfahrungen mit DIVA und teilen diese mit Kollegen aus aller Welt - erkennen aber noch mehr Potenzial. "Wir möchten aus DIVA gerne TRIVA machen", sagt PD Eyüpoglu. "Wir haben ein drittes Verfahren im Blick, das wir zusätzlich einsetzen und so den Therapieerfolg noch weiter verbessern wollen. Das kommt alles direkt der Lebensqualität unserer Patienten zugute."

Aussicht auf Leben und Lebensqualität

DIVA ermöglicht es dem Chirurgen, während der Operation leuchtend rotviolette Tumorzellen von dem dunkelblau schimmernden gesunden Gewebe zu unterscheiden. Foto: Uni-Klinikum Erlangen

Heilung können allerdings auch die Erlanger Ärzte ihren Patienten nicht versprechen. "Um hundertprozentig sicherzugehen, müsste man mehrere Kubikzentimeter gesundes Gehirngewebe entfernen", drückt Nicolai Savaskan es drastisch aus. "Das geht aber nicht ohne das Risiko von Ausfällen und Lähmungen." Deswegen versuchen die Erlanger Neurochirurgen, ihre Patienten in eine optimale Startsituation für eine erfolgreiche Behandlung zu bringen. Rein technisch ist eine vollständige Entfernung des Tumors möglich, wobei die funktionelle Unversehrtheit des Betroffenen oberste Priorität hat. Gerade sogenannte Hochrisikopatienten, deren Tumor in der Nähe des Sprach-, Seh- oder Hörzentrums liegt, sind am Uni-Klinikum Erlangen in den besten Händen. "Unser Ziel ist es, für jeden Menschen das Maximum an Lebenszeit bei einem Maximum an Lebensqualität herauszuholen", sagt Ilker Eyüpoglu. "Das ist eine schmale Gratwanderung: Ein zu aggressiver Chirurg entfernt womöglich zu viel Gewebe und beeinträchtigt so die Lebensqualität - ein zu ängstlicher Operateur belässt vielleicht Tumormasse im Gehirn und schränkt damit die Lebenszeit ein." Nicht zu mutig - nicht zu vorsichtig: Um die richtigen Entscheidungen zu treffen, könnten sich die Ärzte sozusagen an einem Führungsseil festhalten: bestehend aus den technischen Möglichkeiten, der intraoperativen Bildgebung sowie der Biochemie.

Die Pionierleistung der Erlanger Neurochirurgen hat sich herumgesprochen: Die Patienten kommen aus ganz Deutschland, teils sogar aus anderen europäischen Ländern, um sich in Erlangen operieren zu lassen. Manchmal sind es die Betroffenen selbst, die nach Erhalt ihrer Diagnose recherchieren und in Fachartikeln oder im Internet auf DIVA stoßen. "Die Beschäftigung mit der schweren Erkrankung ist allerdings sehr belastend", weiß PD Savaskan. "In vielen Fällen sind es die Angehörigen, die nach Therapieoptionen suchen. Der Patient steht dann vor uns und sagt: 'Machen Sie mir das Ding raus!'" Rund 50-mal kommt DIVA jährlich zum Einsatz. Die Operation dauert je nach Komplexität des Tumors zwei bis zehn Stunden und der stationäre Aufenthalt in der Regel zwei Wochen. Derzeit beherrschen drei Ärzte das Verfahren und geben ihre Erfahrungen in Trainings an Kollegen weiter. "Außerdem verfolgen wir weitere vielversprechende Forschungsansätze", sagt PD Eyüpoglu. "Wir sind in der glücklichen Situation, dass am Universitätsklinikum Erlangen Translation großgeschrieben wird: also die schnelle Umsetzung von Forschungsergebnissen in neue Diagnose- sowie Therapieverfahren."

Eine internationale Vergleichsstudie bestätigt inzwischen die hervorragenden Ergebnisse von DIVA. Besonders Patienten mit einem Tumor in direkter Nähe zum Sprach-, Seh- oder Hörzentrum profitieren von einem Eingriff, bei dem die Chirurgen computerassistiert mit MRT-Bildgebung und Tumor-Fluoreszenz- Visualisierung operieren. "Wir haben hier am Uni- Klinikum Erlangen eine einzigartige Infrastruktur und können so mit höchster Präzision sicher operieren", bestätigt auch Klinikdirektor Prof. Dr. Michael Buchfelder. "Die aktuelle Studie belegt eindrucksvoll, dass sich die hohen Investitionen in die OP-Technik für unsere Patienten auszahlen."

Quelle: Jahresbericht 2013 des Uni-Klinikums Erlangen

 
Krebsberatung
Mitarbeiterinnen der Krebsberatung im Portrait.

Kostenlose Krebsinformation

Telefon: 0800 85 100 85
Weitere Informationen

Comprehensive Cancer Center
Logo des Comprehensive Cancer Center Erlangen Nürnberg