Immuntherapie: DZI bündelt Know-how

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Die Lösung – grau auf weiß

Ein junger Familienvater wird grundlos immer schwächer, seine Haut ist auffällig verfärbt. Am Ende verliert er auf der Intensivstation fast sein Leben. Im Deutschen Zentrum Immuntherapie fahnden Spezialisten nach der Krankheitsursache.

Der rätselhafte Patient: Lange Zeit konnte niemand sehen, woran Sami Morina litt. Im Deutschen Zentrum Immuntherapie am Uni-Klinikum Erlangen fand ein interdisziplinäres Spezialistenteam die Lösung des Rätsels. Foto: Uni-Klinikum Erlangen

Sein Leben lang war Sami Morina nicht krank. Die schwere Arbeit im Pflasterbau machte ihm nichts aus. Anfang 2018 dann bekam der 37-Jährige plötzlich kaum noch Luft. Körperliche Anstrengung machte die Atemnot noch schlimmer. Innerhalb weniger Wochen nahm Sami Morina von einst über 100 auf 74 Kilo ab. Sein Fürther Hausarzt überwies ihn ans Uni-Klinikum Erlangen. Hier sollten Spezialisten den Grund für die unerklärlichen Symptome finden.

In kurzer Zeit verschlechterte sich Sami Morinas Gesundheitszustand dramatisch, sodass er auf die Intensivstation der Medizinischen Klinik 1 – Gastroenterologie, Pneumologie und Endokrinologie (Direktor: Prof. Dr. Markus F. Neurath) des Uni-Klinikums Erlangen verlegt und künstlich beatmet werden musste. Neun Tage lang lag der Vater zweier Töchter im Koma. „Unser Verdacht war eine Pneumocystis-Pneumonie, kurz PCP“, erklärt Prof. Dr. med. univ. Georg Schett. Der Direktor der Medizinischen Klinik 3 – Rheumatologie und Immunologie stand von Anfang an im Austausch mit den Kollegen aus der Medizin 1, die den Patienten rund um die Uhr überwachten. „Die PCP ist eine spezielle Form der Lungenentzündung, wie sie immungeschwächte Patienten oft entwickeln – zum Beispiel Menschen mit einer HIV-Infektion oder einem Spenderorgan. Ausgelöst wird sie durch eine Pilzinfektion, Übertragungsweg ist die Luft“, sagt Georg Schett. Doch die erste Vermutung des Immunologen bestätigte sich nicht. „Wir wollten den Patienten mit einem Antibiotikum behandeln, das ins Schwarze trifft. Dazu mussten wir erst die PCP nachweisen – aber das gelang uns nicht.“ Sami Morinas Lungenbläschen waren entzündet, die Wände der einzelnen Bläschen so stark verdickt, dass sie fast keinen Sauerstoff mehr zu den feinen Blutgefäßen in ihrer Umgebung durchließen. Der Patient hatte definitiv eine Lungenentzündung. Doch schuld war nicht die vermutete Pilzinfektion. Aber was dann?

1:100.000 Pro Jahr erkrankt nur einer von hunderttausend Erwachsenen an der Lilakrankheit. Im Zentrum für Seltene Erkrankungen Erlangen am Uni-Klinikum Erlangen werden solche seltenen Fälle dokumentiert.

Deutsches Zentrum Immuntherapie

Die Ursachen für viele Autoimmunerkrankungen sind bis heute nicht ganz geklärt. „Wir gehen von einer Kombination aus genetischer Bereitschaft und Umweltfaktoren aus“, sagt Prof. Schett. Foto: Uni-Klinikum Erlangen

Das Unerklärliche erklären – dazu vernetzen sich am Uni-Klinikum Erlangen vor allem Rheumatologen, Immunologen und Internisten sowie Krebsmediziner und Hautärzte im DZI – dem Deutschen Zentrum Immuntherapie. Medizin-Nobelpreisträger und Krebsforscher Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Harald zur Hausen eröffnete das neue Zentrum im Juli 2018. Hier wollen Ärzte und Wissenschaftler zum einen chronisch-entzündliche Erkrankungen so früh und so treffsicher wie möglich feststellen. Zum anderen stellen sich die DZI-Experten gegen Krebs auf. Nach der Diagnostik im Speziallabor soll jeder Patient eine passgenaue Immuntherapie erhalten – „egal, ob jemand an Hautkrebs, Rheuma oder Schuppenflechte leidet, an einer Leukämie oder einer Darmerkrankung“, erklärt DZI-Sprecher Prof. Schett. Prof. Dr. Markus F. Neurath, ebenfalls DZI-Sprecher, ergänzt: „Wir erproben vor allem sogenannte Checkpoint-Inhibitoren, Antikörper und Immuntherapien auf Basis von T-Zellen. Mit diesen neuen Methoden können wir das Immunsystem eines Patienten gezielt aktivieren und es dabei unterstützen, Entzündungen auszuschalten und Tumore abzuwehren.“ Hinter jeder wirksamen Behandlung steht auch eine starke Forschung. „Dank jahrelanger wissenschaftlicher Arbeit können wir onkologischen Patienten heute schon Immuntherapien gegen Brust-, Darm-, Lungen- und Hautkrebs anbieten, ebenso gegen Leukämien und Lymphome“, zählt Prof. Schett auf und fährt fort. „In der Antikörpertherapie gab es vor allem bei der Rheumatoiden Arthritis, der Schuppenflechte und bei anderen Autoimmunerkrankungen in den vergangenen Jahren große Fortschritte.“

Hätten wir die Krankheit nicht erkannt und den Patienten nicht mit der Antikörpertherapie behandelt, wäre er mit Sicherheit gestorben.
Prof. Dr. med. univ. Georg Schett, Sprecher des DZI

Selten und selbstzerstörerisch

Im Routinelabor der Medizin 3 werden selbst komplexe Immun- und Autoimmunkrankheiten ausfindig gemacht. „Man muss alle potenziellen Verdächtigen kennen – also wissen, wonach man sucht. Und dann muss man sie identifizieren“, sagt Prof. Schett. Foto: Uni-Klinikum Erlangen

Sami Morinas Symptome waren anfangs selbst für die Erlanger Universitätsmediziner ein Rätsel. Sein Fall beschäftigte Immunologen, Lungenärzte, Infektiologen und das Labor für Immundiagnostik. Die Ärzte beobachteten, dass mit der Zeit immer mehr rote bis blau-violette Flecken die Finger des schwerkranken Patienten bedeckten. „Das brachte uns auf eine neue Spur“, berichtet Prof. Schett. „Wir nahmen an, dass das Immunsystem des Patienten gegen ihn kämpfte – also, dass seine Beschwerden einen autoimmunen Ursprung hatten.“ Die neue Verdachtsdiagnose: Dermatomyositis, auch Lilakrankheit genannt. Bei der seltenen Autoimmunerkrankung entzünden sich die Muskeln, sie schmerzen und werden schwach. Gleichzeitig verändert sich die Haut, bildet Papeln, Rötungen und Krusten an den Fingergelenken, im Gesicht und am Oberkörper. Und tatsächlich: Die Ärzte spürten in Sami Morinas Blutserum Autoantikörper auf, die die Dermatomyositis belegten. „Antikör­per gegen das Eiweiß MDA5 sind für die Diagnose besonders relevant. Sie deuten auf eine schwere Form der Erkrankung hin“, erläutert Oberarzt Prof. Dr. Thomas Harrer, Leiter des immunologischen Labors der Medizin 3. „Der kleine graue Strich auf dem weißen Rechteck des Teststreifen zeigt: Genau dieses Protein wurde bei Sami Morina gefunden.“ Außerdem waren die Muskelenzyme im Blut um das Fünffache erhöht – ein Indikator für zerstörte Muskelzellen. Nun wurde auch klar, woher die lebensbedrohliche Lungenentzündung rührte: Auch sie war entstanden, weil Sami Morinas Immunsystem fälschlicherweise seinen Körper angriff.

Eine unübliche Therapie

Ein kleiner Strich bringt Klarheit: Das Blutserum von Sami Morina enthält Autoantikörper, die charakteristisch sind für eine Dermatomyositis. Besonders aussagekräftig ist der Nachweis von Antikörpern gegen das Protein MDA5 – sichtbar als graue Markierung auf weißem Grund. Foto: Uni-Klinikum Erlangen

Prof. Schett erklärt die Schwierigkeit: „Wir müssen das Immunsystem bei Autoimmunkrankheiten eigentlich ausbremsen – zum Beispiel mit Kortison. Aber Sami Morina brauchte seine Immunabwehr, um mit der Lungenentzündung fertig zu werden.“ So gaben ihm die Ärzte nur anfangs Kortison, reduzierten dann die Dosis und begannen eine Therapie mit dem Antikörper Rituximab – einem immunologisch aktiven Protein, das sich gegen fehlgeleitete B-Zellen richtet. Diese B-Zell-Irrläufer produzieren bösartige Autoantikörper gegen den eigenen Organismus, anstatt ihn gegen Erreger von außen zu verteidigen. Seit dem Sommer 2018 bekommt Sami Morina nun alle sechs Monate eine Rituximab-Infusion. „Diese Therapie ist deshalb ungewöhnlich, weil Rituximab eigentlich nur bei Rheumatoider Arthritis und Lymphdrüsenkrebs zugelassen ist“, erklärt Prof. Schett. „Wir wissen aber aus Studien, dass der Antikörper auch bei anderen schweren Autoimmunkrankheiten wirkt. Patienten wie Sami Morina profitieren von diesem Off-Label-Use.“ Rituximab ist für den 37-jährigen Familienvater die auf lange Sicht verträglichste Behandlung.

Sami Morina hat überlebt. Die Entzündungen in Muskeln und Lunge haben sich gebessert, das Medikament hält die Lilakrankheit in Schach. „Ich fühle mich noch immer erschöpft und vor allem meine Unterschenkel schmerzen, wenn ich einige hundert Meter gelaufen bin“, berichtet der Patient. „Durch die Infusionen bekomme ich aber besser Luft.“ Wenn die Entzündungswerte weiter sinken, kann Sami Morina mit leichter Krankengymnastik beginnen, um langsam seine Muskeln zu kräftigen. Prof. Schett macht deutlich: „Hätten wir die Krankheit nicht erkannt und ihn nicht mit dem richtigen Arzneistoff behandelt, wäre er mit Sicherheit gestorben.“

Quelle: Jahresbericht 2018/19 des Uni-Klinikums Erlangen, Franziska Männel

 
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