Transplantation: Niere im 360°-Fokus

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360°-Fokus für die neue Niere

Was ist nach einer Transplantation die optimale Versorgung, um das neue Organ langfristig gesund zu erhalten? Interdisziplinäre Strukturen und individuelle Programme für die Patienten – so lautet die Antwort des innovativen Modellprojekts NTX 360°. Dafür arbeiten das Transplantationszentrum Erlangen-Nürnberg, niedergelassene Ärzte und Patienten nach einer Nierentransplantation eng zusammen. Erste Erfolge bestätigen das Konzept, das für transplantierte Menschen als Regelversorgung etabliert werden soll.

Rot, blau, gelb, grün und orange – wie die Farben eines Regenbogens reihen sich die bunten Textkästchen auf dem PC-Monitor von Prof. Dr. Mario Schiffer aneinander. Der neue Direktor der Medizinischen Klinik 4 – Nephrologie und Hypertensiologie betrachtet in der elektronischen Fallakte die Befunde der vierjährigen Sina aus Niedersachsen. Farblich abgesetzt kommentieren die kurzen Einträge den Gesundheitszustand der jungen Patientin – und der ist mehr als zufriedenstellend. Dank der Lebendspende ihrer Mutter begann für die damals Einjährige trotz einer angeborenen schweren Niereninsuffizienz am 6. Oktober 2014 ein neues Leben. Heute ist das fröhliche Mädchen fünf Jahre alt und nimmt seit zwei Jahren am Projekt NTX 360° teil. Mario Schiffer: „360° steht für die ganzheitliche Betrachtung der Patienten. Durch die Koordination des gesamten Behandlungsprozesses über ein Fallmanagementsystem, gemeinsame Televisiten, eine psychosomatische Betreuung und ein individuelles sportmedizinisches Training können wir den Patienten optimal versorgen und so eine möglichst lange Transplantatgesundheit erreichen.“

Prof. Schiffer hatte NTX 360° zusammen mit Kollegen der Medizinischen Hochschule Hannover vor dem Wechsel nach Erlangen entwickelt. An dem vom Bundesministerium für Gesundheit geförderten Innovationsmodell nimmt jetzt auch das Uni-Klinikum Erlangen für die Europäische Metropolregion Nürnberg teil. „Damit können wir hier allen Patienten, die in 2018 transplantiert worden sind oder noch transplantiert werden, eine interdisziplinäre Versorgung auf höchstem Niveau anbieten, sofern sich ihre Krankenkasse dem Projekt angeschlossen hat“, freut sich der Nephrologe.

Elektronische Fallakte

Eine regelmäßige Nierendialyse ist für schwer nierenkranke Patienten die einzige Möglichkeit, die jahrelange Wartezeit bis zur Transplantation zu überbrücken. Im Uni-Klinikum Erlangen können Betroffene die mehrstündige Dialysebehandlung auch nachts im Schlaf durchführen lassen und so wenigstens tagsüber ein relativ normales Alltagsleben führen. Foto: Uni-Klinikum Erlangen

Die elektronische Fallakte (EFA) ist eines der drei Hauptelemente dieses ambitionierten Nachsorgeprojekts bei Nierentransplantationen. In der EFA, die alle relevanten medizinischen Daten bündelt und für den Patienten jederzeit einsehbar ist, stehen die Einträge des betreuenden Transplantationszentrums neben denen des niedergelassenen Nephrologen. Mario Schiffer: „Es liest sich wie ein Chat: Jeder trägt hier seine Befunde ein. Der Vorteil ist, dass dadurch ein doppeltes Bestimmen der Werte vermieden wird, weil alle Beteiligten in der EFA ihre Ergebnisse zusammenführen.“

NTX 360° nutzt für die optimierte Abstimmung alle Möglichkeiten der digitalen Kommunikation: Durch die EFA verkürzen sich die Kommunikationswege der Behandler. Zudem können sich die Ärzte vor Ort über den Button „Rückruf erwünscht“ unkompliziert mit dem Transplantationszentrum austauschen oder ihren Patienten sogar wohnortnahe Televisiten anbieten, die ihnen die Anfahrt zum nächsten Zentrum ersparen.

Auch Sinas Eltern tragen in der EFA ihre Anmerkungen zum Befinden des Mädchens ein und können sich darin jederzeit über die letzten Blutwerte und den Medikamentenspiegel informieren. „Der transparente Zugriff auf die eigenen Werte ist eine unterstützende Motivation für den Patienten, weil er sich so selbst davon überzeugen kann, wie positiv sich diese entwickeln, wenn er regelmäßig seine Immunsuppressiva einnimmt“, stellt Prof. Schiffer heraus.

Fallmanager für Koordination

Der am Transplantationszentrum angestellte Fallmanager trägt seinen Befund ebenfalls in die EFA ein und ist das zweite tragende Element der ganzheitlich konzipierten NTX-360°-Nachsorge. Für die Patienten bildet er als direkter Ansprechpartner den Mittelpunkt des Behandlungskonzepts und eine entscheidende Koordinationsschnittstelle in der Kommunikation. „Mit dem Fallmanager finden die Patienten eine andere Gesprächsebene als mit dem behandelnden Arzt, weil hier die Hemmschwelle beim Ansprechen von Problemen oft deutlich niedriger ist“, hebt Mario Schiffer hervor. Für das Uni-Klinikum Erlangen übernimmt diese wichtige Funktion seit Februar 2019 die Fachpflegekraft Maike Aarnoutse, die auch ein Studium der Angewandten Pflegewissenschaften abgeschlossen hat. Eine aktuelle Studie belegt, dass allein das Einbinden eines persönlichen Fallmanagers in der Kommunikation mit den Patienten zu signifikanten Verbesserungen in der Nachsorge führt. Maike Aarnoutse: „Die Patienten setzen den Behandlungsplan verlässlicher um, und die Zahl ihrer Krankenhausaufenthalte geht zurück.“

In NTX 360° rücken die Transplantationszentren und die niedergelassenen Ärzte enger zusammen – zum Wohl der Patienten.
Prof. Dr. Mario Schiffer, Direktor der Medizin 4

Psychosomatische Betreuung

Das dritte Element für eine erfolgreiche Nachsorge ist bei NTX 360° die psychosomatische Betreuung der Patienten, verbunden mit einer Sporttherapie. Beides soll das „Patienten-Empowerment“ nach der Transplantation nachhaltig unterstützen. Prof. Schiffer: „Gerade nierentransplantierte Menschen tragen ein hohes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen in sich, da ihr Körper oft durch die jahrelange Dialyse langfristig geschädigt worden ist.“ Tatsächlich zählen Herzinfarkt und Schlaganfall zu den häufigsten Todesursachen nach einer Transplantation, obwohl das Transplantat gut funktioniert. Mithilfe eines Ergometers wird deshalb bei NTX 360° regelmäßig die körperliche Leistungsfähigkeit überprüft. Mario Schiffer versichert: „Die NTX-360°-Patienten zeigen nachweislich verbesserte Ergebnisse bei den Blutdruckwerten und hinsichtlich ihrer Mobilität.“

Mit der Transplantation beginnt laut Mario Schiffer für die Patienten ein neues Leben, in dem sie auch sportlich mehr für ihren Körper tun sollten. „Die Einnahme der Immunsuppressiva verstärkt den Muskelabbau, deshalb sollen sich Transplantierte regelmäßig bewegen und auch Sport treiben“, empfiehlt der Nierenspezialist. Hier setzt NTX 360° mit einer sanften Sporttherapie und begleitender Information an. „Die ist wichtig, denn der Aufbau von Muskelmasse bewirkt eine Erhöhung des Kreatininwerts. Das gilt jedoch auch als Warnsignal für eine Abstoßung des Transplantats“, weiß der Nierenspezialist. „Das irritiert den Patienten, und diese innere Unsicherheit fängt unsere psychosomatische Beratung auf.“ Prof. Schiffer betreute im Rahmen des niedersächsischen NTX-360°-Projekts unter anderem Leichtathletin Franziska Liebhardt, die anschließend bei den Paralympics 2016 in Rio de Janeiro die Goldmedaille im Kugelstoßen gewann.

Der transparente Zugriff auf die eigenen Werte ist eine unterstützende Motivation für den Patienten.
Prof. Dr. Mario Schiffer, Direktor der Medizin 4

Ausweitung der Projektregion

Maike Aarnoutse betreut seit dem Projektstart im Februar 2019 die Patienten des NTX-360°-Modells als persönliche Ansprechpartnerin für das Uni-Klinikum Erlangen. Vor ihrer Verpflichtung als koordinierende Fallmanagerin betreute die studierte Fachpflegekraft Nierenpatienten auf der Intensivstation der Medizin 4. Foto: Uni-Klinikum Erlangen

Durch den Kooperationsvertrag mit der Medizinischen Hochschule Hannover öffnet das Uni-Klinikum Erlangen das erfolgreiche Projekt auch für die Nierenpatienten in der Metropolregion Nürnberg. „Es ist eines der großen Ziele von NTX 360°, zu zeigen, dass wir die Logistik dafür auch andernorts aufbauen können“, betont Prof. Schiffer. 2018 wurden im Transplantationszentrum Erlangen-Nürnberg insgesamt 68 Nieren transplantiert. Das Uni-Klinikum Erlangen bietet mit seinem breiten medizinischen Spektrum die gleiche Versorgung nach einer Transplantation, wie sie die Modellregion Niedersachsen vorhält.

Prof. Schiffer: „Wir erfüllen in Erlangen alle Voraussetzungen für NTX 360°, weil wir unsere Psychosomatik und Sporttherapie einbinden können. Zudem arbeiten wir bereits mit der elektronischen Fallakte.“ Für die Umsetzung von NTX 360° kooperieren die Mitarbeiter der Medizin 4 mit der Psychosomatischen und Psychotherapeutischen Abteilung (Leiterin: Prof. Dr. (TR) Yesim Erim) und der Medizinischen Klinik 2 –  Kardiologie und Angiologie (Direktor: Prof. Dr. Stephan Achenbach).

8 % der Patienten verlieren in den ersten drei Jahren nach der Transplantation ihr Organ durch Abstoßungsreaktionen. Eine optimale Nachsorge ist ein entscheidender Faktor für die Transplantatgesundheit.

Ziel ist die Regelversorgung

Bereits wenige Wochen nach dem Start im Februar 2019 hat sich ein Großteil der in Frage kommenden Patienten aus der Metropolregion Nürnberg zur Teilnahme an dem innovativen Projekt angemeldet. „Bei den Patienten gibt es keine Einschränkungen für die Teilnahme“, betont Prof. Schiffer. „Einzige Voraussetzung ist die Beteiligung der Krankenkasse, die sich dem Projekt vertraglich anschließt. Das ist auch deshalb so wichtig, weil NTX 360° eben keine Studie ist, sondern ein Modellprojekt.“ Damit stehen laut Prof. Schiffer die Chancen gut, dass dieses zukunftsweisende Modell in die Regelversorgung überführt wird, wenn eine externe Evaluation die positiven Ergebnisse weiter bestätigt. „Das ist unser großes Fernziel“, blickt Mario Schiffer optimistisch in die Zukunft und fügt hinzu: „Wir wollen NTX 360° auch auf andere Organe übertragen und das Konzept bundesweit auf alle Transplantationszentren ausdehnen. Spenderorgane sind ein kostbares und knappes Gut, deshalb sollten wir alles dafür tun, die Gesundheit transplantierter Menschen langfristig stabil zu halten.“

Infos:

Auf der Website www.ntx360grad.de finden sich alle Informationen zu dem innovativen Nachsorgeprogramm bei einer Nierentransplantation. Der Einstieg des Uni-Klinikums Erlangen als Kooperationspartner für das Modellprojekt ermöglicht auch den Patienten der Metropolregion Nürnberg die Teilnahme an dem telemedizin-basierten Modellprojekt nach ihrer Nierentransplantation. 

Quelle: Jahresbericht 2018/19 des Uni-Klinikums Erlangen, Kerstin Bönisch

 
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Administration: Kathrin Lenker
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