Zum Hauptinhalt springenSkip to page footer

Deutschlands größter Pflegedienst

Sie sind viele und doch oft unsichtbar: Pflegende An- und Zugehörige stemmen in Deutschland die Hauptlast der häuslichen Pflege – mit allen Herausforderungen, die das mit sich bringt. Prof. Dr. Elmar Gräßel gibt Einblicke in ihre Lebensrealität und zeigt, was ihnen Entlastung schenken kann.

„Es ist nicht nur der Pflegeaufwand, der belastet – sondern auch die ständige Präsenz, die von mir gefordert wird. Aber: Wir haben uns noch!“, sagt Bärbel Krämer*. Sie ist eine von rund fünf Millionen Menschen in Deutschland, die regelmäßig einen pflegebedürftigen Angehörigen oder eine nahestehende Person betreuen – sei es den Vater nach einem Schlaganfall, den demenzerkrankten Partner oder die betagte Nachbarin. Die Aufgaben in der häuslichen Betreuung sind vielfältig, die Anforderungen an die pflegenden An- und Zugehörigen oft hoch: Körperpflege, Hilfe beim Essen und bei der Medikamentengabe, Unterstützung beim Aufstehen und beim Umlagern im Bett, Einkaufen, Kochen und Putzen – bis hin zur emotionalen Begleitung, Terminorganisation und zu Behördengängen.

„Pflege findet in acht von zehn Fällen in Privathaushalten statt. Und über 90 Prozent dieser pflegebedürftigen Menschen werden von Nahestehenden versorgt – also von Angehörigen, Nachbarinnen, Freunden oder Bekannten“, erklärt Prof. Dr. Elmar Gräßel, Leiter des Zentrums für Medizinische Versorgungsforschung und des Bereichs Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Psychiatrischen und Psychotherapeutischen Klinik des Uniklinikums Erlangen. „Das macht An- und Zugehörige zum ‚größten Pflegedienst‘ Deutschlands.“ Seit mehr als 30 Jahren forscht Elmar Gräßel zur Situation von pflegenden An- und Zugehörigen. Er weiß, wie ihre Lebensrealität aussieht und mit welchen Herausforderungen sie konfrontiert sind. „Rund 40 Prozent aller, die für eine nahestehende Person sorgen, sind dadurch mehr als zehn Stunden pro Tag eingebunden. Bei 30 Prozent sind es sogar mehr als fünfzehn Stunden pro Tag“, schildert er. „Zieht man von den 24 Stunden, die jeder und jedem pro Tag zur Verfügung stehen, sechs Stunden zum Schlafen und zwei Stunden zur ‚Selbstpflege‘ ab, bleibt nicht viel übrig.“

„An- und Zugehörige sind der ‚größte Pflegedienst‘ in Deutschland.“

Prof. Dr. Elmar Gräßel

Wenn die Zeit nicht reicht

Für Pflegende ist Zeit tatsächlich ein knappes Gut: Freie Minuten für Familie, Partnerschaft, Freundschaften, Hobbys oder einfach zum Durchatmen finden viele kaum noch. So berichtet es etwa auch Reinhold Bauer*, der seine Partnerin pflegt: „Ich habe mich nicht getraut, zum Frisör zu gehen. Ich hatte Angst, dass meine Frau in der Zwischenzeit stürzt.“ Besonders herausfordernd wird es dann, wenn zusätzlich auch noch das eigene Kind versorgt oder einer Erwerbstätigkeit nachgegangen werden muss – die Doppel- oder Dreifachbelastung ist dann oft kaum zu stemmen: „Etwa ein Viertel aller erwerbstätigen pflegenden An- und Zugehörigen reduziert die Arbeitszeit im Beruf zugunsten der Pflege. Weitere elf Prozent geben ihre Erwerbstätigkeit vollständig auf“, ordnet Prof. Gräßel ein. „Wenn man bedenkt, dass pflegende An- und Zugehörige im Durchschnitt 60 Jahre alt sind – viele sogar jünger –, hat das erhebliche Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Das sind Arbeitskräfte, die fehlen.“ Doch auch für jede Einzelne und jeden Einzelnen sind die Folgen oft gravierend, denn: Die finanzielle Unterstützung durch die Pflegeversicherung reicht nicht immer aus. „Viele Pflegeprodukte, die ich für meine Mutter benötige, werden nicht übernommen. Wie soll man das finanziell bewältigen?“, fragt sich beispielsweise Tanja Schuster*. Der Ausblick auf ihren bevorstehenden Renteneintritt bereitet ihr schon jetzt große Sorgen.

Mama, wer bist du?

Neben den zeitlichen und finanziellen Belastungen erleben pflegende An- und Zugehörige oft einen weiteren, meist viel tiefgreifenderen Verlust: den schleichenden Abschied von einem geliebten Menschen. „Gerade bei Demenzerkrankungen ist es für An- und Zugehörige schmerzlich, zu beobachten, wie sich die pflegebedürftige Person verändert“, erklärt Prof. Gräßel. „Eine Frau, die ihren Ehemann pflegt, muss erkennen, dass dieser nicht mehr der Partner ist, der sie über Jahrzehnte begleitet hat. Ein Sohn, der seine Mutter bis ins hohe Alter versorgt, merkt langsam, dass die Frau, die ihn einst umsorgt hat, nicht mehr da ist. Im Gegenteil: Plötzlich ist er es, der die Verantwortung trägt. Diese Erfahrung ist äußerst schmerzhaft.“

Dein Schmerz ist mein Schmerz 

Die häusliche Pflege hinterlässt bei den An- und Zugehörigen deshalb oft tiefe Spuren: „Mehr als die Hälfte von ihnen gibt an, sich stark oder sehr stark belastet zu fühlen. Bei denjenigen, die eine demenzerkrankte Person betreuen, sind es sogar rund 70 Prozent“, berichtet Elmar Gräßel. „Das kann weitreichende Folgen haben – sowohl für die Pflegenden als auch für die Menschen, die sie versorgen.“ Denn der Dauerstress macht langfristig krank: Je größer die empfundene Belastung, desto höher ist das Risiko für Depressionen oder andere psychische Erkrankungen. Auch die körperliche Gesundheit büßt ein. So nehmen etwa Kopf-, Bauch- oder Rückenschmerzen zu, und sogar das eigene Sterblichkeitsrisiko steigt. „Wenn sich eine Betreuungsperson sehr stark überfordert fühlt, wirkt sich das außerdem auf den Pflegestil aus – der Umgang mit dem erkrankten Menschen wird dann ruppiger. Das kann bis zur Vernachlässigung gehen – nicht aus böser Absicht, sondern aus dem eigenen Leidensdruck heraus“, erläutert Prof. Gräßel. „Nicht zuletzt steigt die Wahrscheinlichkeit dafür, dass die pflegebedürftige Person in ein Pflegeheim abgegeben wird.“ 

„Hilfe zu suchen, ist keine Schwäche, sondern eine Stärke!“

Prof. Dr. Elmar Gräßel

Pflege ist nicht gleich Pflege

 Trotz aller Widrigkeiten erfahren nicht alle An- und Zugehörigen die Pflegetätigkeit als Belastung. Wie die Betreuung erlebt wird, ist individuell unterschiedlich. Das bestätigt auch Elmar Gräßel: „Es gibt Pflegende, die rein objektiv sehr hohen Anforderungen ausgesetzt sind – etwa, weil sie täglich mehr als zehn Stunden pflegen oder in erheblichen finanziellen Nöten stecken. Wenn sie jedoch ein starkes soziales Umfeld haben, kann es sein, dass sie die Situation gut meistern.“ Umgekehrt könne eine geringere Arbeitslast auch als sehr anstrengend empfunden werden, etwa wenn unterstützende Strukturen fehlen. Das Risiko, selbst zu erkranken oder anderweitig negative Auswirkungen zu erfahren, steigt dann deutlich an. „Ob pflegende An- und Zugehörige überlastet sind und selbst gesundheitlich leiden, hängt also weniger von den objektiven Anforderungen ab – entscheidend ist vielmehr, wie belastend sie die Situation wahrnehmen“, fasst der Experte zusammen.

Andere pflegen – und daran wachsen 

Zugleich steht aber auch fest: Pflegende An- und Zugehörige können aus der Betreuung des nahestehenden Menschen auch Kraft schöpfen und persönlich daran wachsen. So berichtet mehr als die Hälfte der Pflegenden, dass ihnen durch ihren Einsatz bewusster geworden ist, welche Werte ihnen im eigenen Leben wichtig sind. Andere geben an, verantwortungsbewusster, geduldiger oder verständnisvoller geworden zu sein. „Häusliche Pflege ist nicht schwarz oder weiß – sie hat negative wie positive Seiten“, betont Prof. Gräßel. Unterstützung durch das soziale Umfeld, der Austausch in Angehörigengruppen und eine bewusste Auseinandersetzung mit der eigenen Situation fördern ein positives Erleben. Allerdings zeigt die Forschung auch: „Stärkende Erfahrungen können die subjektive Belastung leider nicht ausgleichen“, ordnet Elmar Gräßel ein. „Um das Wohlbefinden von pflegenden An- und Zugehörigen zu verbessern, gilt es daher vor allem, die empfundene Belastung zu reduzieren.“

Hilfe annehmen – eine wahre Stärke

Doch Unterstützung zu suchen und anzunehmen, ist für viele kein einfacher Schritt: Angebote wie ambulante Pflegedienste oder externe Haushaltshilfen werden von weniger als der Hälfte der Betroffenen genutzt; Tagespflege, Betreuungs- und Fahrdienste oder „Essen auf Rädern“ noch viel seltener. Und auch niedrigschwellige, kostenlose Beratungsangebote aufzusuchen und das soziale Umfeld in die Pflege einzubeziehen, fällt oft schwer. „Das Gros der Pflegenden sagt, es hätte keinen Bedarf. Doch das ist eine Selbsttäuschung!“, sagt Elmar Gräßel. „Sobald ein Pflegegrad gegeben ist – und meistens schon davor –, ist unterstützende Beratung sinnvoll. Nur so kann man für sich selbst sorgen und für die zu betreuende Person auch langfristig da sein.“ Sein Rat an Betroffene: „Machen Sie sich frühzeitig Gedanken über Ihre Situation und seien Sie ehrlich zu sich selbst. Hilfe zu suchen, ist keine Schwäche, sondern eine Stärke!“ Und auch all jene, die eine pflegende Person im Familien-, Freundes- oder Bekanntenkreis unterstützen möchten, ermutigt er: „Manchmal braucht es jemanden, der einfach nur zuhört. Fragen Sie nach, wie die Situation erlebt wird und wie Sie konkret helfen können. Diese Unterstützung ist äußerst wertvoll!“ 

*Aussage einer an- oder zugehörigen Pflegeperson im Rahmen einer Umfrage des Zentrums für Medizinische Versorgungsforschung; Name von der Redaktion geändert

Häusliche Pflege in Zahlen

  • Pflegende An- und Zugehörige sind überwiegend weiblich: 74,9 Prozent sind Frauen.
  • Wer pflegt wen? In über der Hälfte der Fälle sind es erwachsene (Schwieger-)Töchter und Söhne, die einen Elternteil betreuen. Rund ein Viertel pflegt die Partnerin oder den Partner, neun Prozent entferntere Verwandte. Acht Prozent sind Zugehörige: Sie stehen in keinem verwandtschaftlichen Verhältnis.
  • Alter der Pflegebedürftigen: Im Schnitt sind sie 76 Jahre alt – die Altersspanne reicht von minderjährigen Kindern bis hin zu Hochbetagten.
  • Häufigste Gründe für einen Pflegegrad: Altersgebrechlichkeit (52 Prozent), Demenz (29 Prozent), Krebs (14 Prozent) und Schlaganfälle (13 Prozent). 46 Prozent haben sonstige Erkrankungen, beispielsweise Parkinson, Multiple Sklerose oder chronisch-entzündliche Darmerkrankungen. Hinweis: Mehrere Ursachen können gleichzeitig vorliegen. 

Wie belastet bin ich?

Die Häusliche-Pflege-Skala (HPS) hilft pflegenden An- und Zugehörigen, das eigene Belastungsempfinden einzuordnen – kostenlos und anonym. www.kurzlinks.de/jxba  

Erste Anlaufstelle

Pflegende An- und Zugehörige haben einen rechtlichen Anspruch auf eine Pflegeberatung. Diese ist kostenlos und kann persönlich, telefonisch oder online erfolgen – zum Beispiel über Pflegestützpunkte, ambulante Angebote oder kommunale Stellen.

Neues Entlastungsangebot

Die Arbeitsgruppe „Angehörigenforschung“ am Zentrum für Medizinische Versorgungsforschung des Uniklinikums Erlangen hat ein neues Entlastungsangebot ins Leben gerufen: Im Frühjahr 2026 soll erstmals eine Kurmaßnahme stattfinden, die speziell auf die Bedürfnisse pflegender An- und Zugehöriger ausgerichtet ist. Interessierte können sich schon jetzt informieren und anmelden. Eine Teilnahme ist möglich, wenn die Betreuung der pflegebedürftigen Person während der Kur gesichert ist – z. B. durch Verhinderungspflege. Das Angebot richtet sich vorrangig an berufstätige pflegende An- und Zugehörige. Zudem werden ein PC oder Tablet sowie ein Internetzugang benötigt. E-Mail: pakur.ps(at)uk-erlangen.de  Web: www.uker.de/pspakur 

86 Prozent der Ratsuchenden sagen: Die Pflegeberatung hat geholfen!

Beratungsstellen in Erlangen

Beratungsstellen in Erlangen
Dreycedern e. V.
Telefon: 09131 9076800
www.dreycedern.de

Pflegestützpunkt der Stadt Erlangen

Telefon: 09131 862329
www.kurzlinks.de/pflegepunkt-erlangen

Text: Magdalena Högner/Uniklinikum Erlangen; Fotos: sebra/stock.adobe.com; Moritz Leg; zuerst erschienen in: Magazin „Gesundheit erlangen“, Winter 2025