Dr. Britta Fraunberger erklärt, wie die Kopfschmerzgruppe am Uniklinikum Erlangen abläuft, was Patientinnen und Patienten oft gemeinsam haben und wie sie ihre Schmerzen tatsächlich beeinflussen können.
Stand: Dezember 2025

Frau Dr. Fraunberger, 70 Prozent der Deutschen kennen Kopfschmerzen. Am häufigsten sind Spannungskopfschmerzen und Migräne. Wie können Sie Betroffenen mit großem Leidensdruck helfen?
Wir haben für diese Patientinnen und Patienten in unserem Schmerzzentrum eine teilstationäre Kopfschmerzgruppe eingerichtet. Das heißt: Die Betroffenen kommen drei Wochen lang von Montag bis Freitag täglich zu uns und dürfen abends wieder nach Hause. Pro Durchgang nehmen acht Personen teil. Nach drei Monaten gibt es eine Vertiefungswoche, um zu schauen, was sich verändert hat, was schon gut klappt und wo es noch Unterstützung und weitere Infos braucht. Nach einem Jahr gibt es dann noch mal einen Auffrischungstag.
Inwiefern ist es denn hilfreich, ausschließlich Kopfschmerzbetroffene zusammenzubringen? In anderen Kliniken nehmen diejenigen ja oft an gemischten Schmerzgruppen teil.
Das ist tatsächlich eine Besonderheit bei uns. Wir wissen, dass es bei Menschen mit Migräne und anderen Kopfschmerzen viele Überschneidungen gibt: Sie sind oft weiblich, eher jünger, stecken mitten in der Ausbildung oder im Studium oder sind beruflich stark gefordert. Da alle mehr oder weniger dasselbe Krankheitsbild haben, können wir bei der Informationsvermittlung sehr in die Tiefe gehen. Auch die Medikamente gegen Migräne sind oft spezifisch. Insgesamt profitieren die Teilnehmenden der Gruppe sehr von den genannten Gemeinsamkeiten, von gegenseitigem Austausch und Interesse. Sie haben plötzlich Menschen um sich herum, die ihre Beschwerden komplett nachvollziehen können.
Sie haben gerade schon die Informationsvermittlung angesprochen. Was sind denn weitere Bausteine des Programms?
Wir sind überzeugt von einer multimodalen Therapie. Das heißt: Es braucht verschiedene Methoden parallel, weil bei chronischen Schmerzen ein einzelnes Therapieverfahren allein in der Regel nicht so gut wirkt wie die Kombination aus mehreren. Neben der Wissensvermittlung, also der Edukation, gibt es deshalb bei uns auch Stressmanagementtraining, Entspannungsverfahren wie die progressive Muskelrelaxation, Achtsamkeitsübungen, Bewegung in Form von Physio- und medizinischer Trainingstherapie, Medikamente, aber auch Ansätze wie Naturheilverfahren und Akupressur. Der Großteil findet in der Gruppe statt. Ergänzend gibt es ärztliche und psychologische Einzelgespräche. Menschen mit Migräne haben nämlich häufig auch Ängste, depressive Symptome oder andere seelische Belastungen, die mitberücksichtigt werden sollten.
Was wissen Sie über das Schmerzgeschehen und die Auslöser von Kopfschmerzen?
Bei Migräne kommt es in den Blutgefäßen der Hirnhäute zu einer Entzündungsreaktion. Das ist oft erblich bedingt. Das Gehirn der Betroffenen reagiert dann auf bestimmte Reize mit einer Schmerzattacke. Der Haupttrigger ist Stress. Dazu reagieren viele Patientinnen und Patienten auf Rhythmusveränderungen, wenn sie zum Beispiel unregelmäßig essen, trinken oder schlafen. Auch Wetterwechsel und Hormonschwankungen fallen in diese Kategorie. Über die Hälfte der Frauen mit Migräne berichtet, dass die Symptome in der Zeit ihrer Periode stärker oder häufiger sind. Auch Überreizung ist ein Thema – zu viel Lärm, Licht, Menschenmassen. Bei Spannungskopfschmerzen gibt es ähnliche Auslöser, aber sie äußern sich anders als Migräne: eher dumpf drückend, oft ohne Begleitsymptome wie Übelkeit und so, dass leichte Bewegung die Symptome nicht verschlechtert. Ein Schmerztagebuch kann die unterschiedlichen Einflussfaktoren sichtbar machen.
Das klingt nach ganz schön vielen Faktoren, die beachtet und kontrolliert werden sollten.
Es gibt definitiv einige Stellschrauben. Dabei geht es aber immer um ein sinnvolles Triggermanagement und nicht darum, sich selbst und die Umstände permanent zu optimieren. Das ist unrealistisch und erzeugt auch wieder Stress. Wir sagen immer: Migräne ist keine Strafe für ein falsch gelebtes Leben. Denn manchmal macht man alles, was man kann, und trotzdem kommt der Schmerz. Die gute Nachricht: Durch achtsame Veränderungen im eigenen Leben lässt sich die Kontrolle über Schmerzhäufigkeit und -intensität zurückgewinnen.
Welche Schmerzmittel empfehlen Sie?
Manchen helfen bei Kopfschmerzen frei verkäufliche Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Paracetamol. Sobald eine Migräneattacke aufzieht, heißt es: „Hit hard, hit early.“ Also ausreichend stark und ausreichend früh behandeln, sonst ist die Wirkung nicht optimal. Also nicht alle paar Stunden eine halbe Tablette, und noch eine und noch eine, sondern gleich eine angemessen hohe Dosis. Bei der einen Patientin sind das 400 Milligramm Ibuprofen, bei der anderen 800 Milligramm. Außerdem sollte man sich nach der Einnahme Ruhe gönnen. Wer an mehr als 10 bis 15 Tagen im Monat Schmerztabletten nimmt, riskiert einen Medikamentenübergebrauchskopfschmerz, und diese langfristige Einnahme birgt natürlich auch andere Risiken und Nebenwirkungen. Wenn herkömmliche Schmerzmittel gegen Migräne nicht helfen, gibt es außerdem Triptane. Das sind spezielle Medikamente, deren Einnahme man immer mit einer Neurologin oder einem Neurologen besprechen sollte; zudem ist eine Behandlung mit Bluthochdruck- oder Epilepsiemedikamenten, Antidepressiva oder Botox möglich. Und dann haben wir für Migränikerinnen und Migräniker noch monoklonale Antikörper als Spritze oder Infusion. Erst seit Kurzem zugelassen ist die Wirkstoffklasse der Gepante, die es in Tablettenform gibt. Was wem wie und in welcher Dosis hilft, muss ganz individuell ausprobiert werden.
Was können Betroffene unabhängig von Medikamenten tun?
Neben dem schon erwähnten Triggermanagement, Bewegung und Entspannung gibt es da noch einiges: Wenn sich eine Migräneattacke anbahnt, helfen oft Kaffee, Cola oder Koffeintabletten. Warme Nacken- oder Wechselgüsse an den Beinen, Nackenmassagen und Pfefferminzöl auf der Stirn können ebenso verschiedene Kopfschmerzarten lindern (Weitere Tipps).
Tipps bei Migräne
Stress senken
Bei 80 Prozent der Migränikerinnen und Migräniker ist Stress der Haupttrigger. Ihn zu senken – etwa durch Atem- oder Achtsamkeitsübungen, Entspannungsverfahren und bewusstes Grenzensetzen – ist deshalb für alle Betroffenen ein wichtiges Ziel.
Regelmäßigkeit anstreben
Das Gehirn von Menschen mit Migräne reagiert sensibel auf Veränderungen – am liebsten hat es feste Rhythmen in Bezug auf Essen, Trinken, Schlafen etc. Da sich aber etwa das Wetter oder weibliche Hormone nicht bzw. nicht ohne Weiteres beeinflussen lassen, gilt es, in beeinflussbaren Bereichen bestmöglich für Stabilität zu sorgen.
Hoch dosiertes Magnesium
Magnesium in hoher Dosierung (2 x 300 mg täglich) kann Migräneattacken abmildern. In Kombination mit dem Vitamin B2 und dem Coenzym Q10 ist es z. B. als „Migravent“ in der Apotheke erhältlich.
Warme Füße
Weil bei Migräne das vegetative Nervensystem und die Spannung der Blutgefäße fehlreguliert sind, haben viele Betroffene kalte Füße. Ein warmes Fußbad (ggf. mit 4 EL Ingwerpulver) kann eine Kopfschmerzattacke mitunter abschwächen.
Bewegung und gesunde Ernährung
Egal, ob Ausdauer-, Krafttraining oder leichtes Yoga – jede Bewegung hilft. Betroffene sollten ein Gespür dafür entwickeln, wann welche Sportart guttut und wie sie sich weder über- noch unterfordern. Regelmäßige Mahlzeiten ohne lange Pausen (über 3–4 Stunden) beugen einer Unterzuckerung im Gehirn vor und können Schmerzattacken verhindern. Betroffene profitieren von einer gesunden, antientzündlichen Kost: wenig Fleisch, keine bzw. wenig hochverarbeitete Lebensmittel, viel Gemüse und langkettige Kohlenhydrate, die lange sättigen.
Drei Tools zum Ausprobieren
- TENS (Transkutane Elektrische Nervenstimulation): Über aufgeklebte Elektroden (z. B. Nacken, Stirn, Kiefer) wird Reizstrom ins Gewebe geleitet. Er stimuliert die Nerven und kann so die Schmerzwahrnehmung regulieren. TENS-Geräte eignen sich auch für zu Hause.
- Kältehaube: Sie sieht aus wie eine Badekappe, die bis über die Augen reicht. Sie wird im Eisfach heruntergekühlt und dann zur Migränebehandlung aufgesetzt.
- Akupressurmatte: Viele kleine, feste Spitzen aus Kunststoff fördern die Durchblutung im Nacken oder am ganzen Rücken, was Verspannungen lindern und damit auch Kopfschmerzen abmildern kann.
Vorboten der Migräne
Müdigkeit, Unkonzentriertheit, Heißhunger, häufiges Wasserlassen, Frösteln, Übelkeit, Nackenverspannungen und Gereiztheit können auf eine sich anbahnende Migräneattacke hinweisen. Wer sich dann günstig verhält, kann eventuell noch gegensteuern.
„Ich bin in Ordnung – auch mit Kopfschmerzen“
Seit etwa 15 Jahren lebt Nicole J., heute 41 Jahre alt, mit der Diagnose Migräne. „Schon als Kind hatte ich Spannungskopfschmerzen. Mitte/Ende 20 war es dann mit mindestens 14 Kopfschmerztagen im Monat so schlimm, dass ich das in einer Klinik abklären ließ“, sagt sie. Ein Kollege ihres Mannes empfahl ihr dann die Kopfschmerzgruppe am Uniklinikum Erlangen – Nicole J. meldete sich an. „Jeder hatte dort seine Geschichte und sein Päckchen zu tragen. Das hat mir geholfen, von meinem Schamgefühl wegzukommen“, berichtet die Patientin. „Es war mir immer unangenehm, zu sagen, dass ich Migräne habe. Ich dachte, dann heißt es von außen sowieso nur: ,Das bisschen Kopfweh! Nimm halt was ein und dann gehts schon wieder!‘ In der Gruppentherapie habe ich gelernt, dass ich als Person trotzdem in Ordnung bin – auch mit Kopfschmerzen.“ Vor allem die medizinischen Vorträge und die psychologischen Gespräche taten Nicole J. gut. „Das neue Wissen hat mich entspannt.“ Sie erkannte, wie sie ihre Migräne beeinflussen kann, aber auch, „dass es egal ist, wie gut man lebt – man kann trotzdem noch Kopfschmerzen bekommen. Aber man darf nicht daran verzweifeln.“ Die Mutter eines fünfjährigen Sohnes fand heraus, dass sie unter Stress „immer ganz gut funktioniert“ – und dass der Schmerz eher kommt, wenn sie entspannt. „In der Therapie habe ich erkannt, dass die Anspannung gar nicht erst so hoch werden muss – dass ich manches auch absagen oder mich rausnehmen kann“, erklärt sie. Während sie vor einigen Jahren noch im Schichtdienst arbeitete, obwohl der wechselnde Schlaf-Wach-Rhythmus Gift für ihre Migräne war, hat sie heute einen Job, in dem sie sich ihre Arbeitszeit selbst einteilen kann. „Mittlerweile habe ich so eine Selbstfürsorge entwickelt, dass ich es gar nicht mehr anders will.“ Nicole J. hat heute längere migränefreie Phasen. Spaziergänge, Yoga, Pilates und Nackenmassagen helfen ihr. Außerdem nimmt sie täglich ein neues Medikament zur Migräneprophylaxe ein, bei Attacken Ibuprofen und Triptane. Bis heute ist sie bei Dr. Fraunberger in Erlangen in Behandlung, obwohl die Schmerztherapie schon Jahre her ist und die Patientin mittlerweile im Allgäu lebt. „Ich bin sehr dankbar für diese Betreuung und diese Beständigkeit! Das Team im Erlanger Schmerzzentrum – das sind für mich einfach herzensgute Menschen!“
Text: Franziska Männel/Uniklinikum Erlangen; Fotos: sebra/stock.adobe.com, Michael Rabenstein/Uniklinikum Erlangen; zuerst erschienen in: Magazin „Gesundheit erlangen“, Winter 2025/26






